Montag, 16. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Ego/Rebell/Raum. (Textsammlung).
PROGRESSION/Tischdecke.

Kinder, Zukunft, Apfelbaum,
Leben, Sterben, Badeschaum,
Liebe ewig wie ein Stein,
wie kann man sich sicher sein?

Regelmäßig unentdeckt
wird die Tischdecke befleckt,
irgendwann auf diesem Weg, irgendwann auf dieser Reise,
stirbt die Möglichkeit - ganz leise,
übrig bleibt, morsch und zerbrechlich,
ein schmaler Steg nur, doch - tatsächlich
- könnte man ihn noch begehen,
würde man es nur verstehen,
langsam sich voranzutasten,
ohne Eilen, ohne Hasten!

Lang schon bin ich unterwegs, langsam nur, doch stetig,
rüber will ich, müh‘ mich redlich,
aller Ablenkung zum Trotz,
- bis ich auf die Tischdeck‘ kotz‘.

(1992)

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Mittwoch, 4. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Ego/Rebell/Raum. (Textsammlung).
REBELLION/Der Tag der Weitergabe.

(Erzählung/Fantasy).


(...)

*

Im Jahr 1414 der Oberflächenkultur, zum Zeitpunkt unserer Ge-schichte, bekleidet der ehrwürdige Mennoch das höchste Amt der Priesterschaft. Wir beobachten ihn im Audienzsaal des Haupttem-pels im abendlichen Halbdunkel, gewandet in den rostroten Talar mit dem bronzefarbenen Zeichen der abstrahierten Flamme auf seiner Brust, dem Symbol seines Ordens. Die wichtigste Insignie seines Amtes, das priesterliche Zepter, auf dessen Spitze ein glimmender Unterseitenkristall prangt, liegt ganz am Ende des Saals auf einem schmucklosen Beistelltisch neben dem Thron, eingehüllt in Tücher aus dickem, grünen Brokat.
„Herr, warum willst du Veränderung?“
Mennochs Stimme hallt verloren durch die Weite des Saals. „Du sprichst zu mir, und ich weiß nicht, ist es Segen oder Fluch, mit dem du mich belegst. Deine Worte, so gewaltig, so kraftvoll, sie weisen mich an, aber ich bin nur ein Mensch und ich weiß nichts. Kann ich denn tatsächlich etwas für dich tun? Ich, Mennoch, so gering. Nicht mehr als nur ein Staubkorn in den unschätzbaren Weiten deiner Schöpfung?“
Für einen kurzen Moment, in dem er den Kopf wie zerschlagen sinken, seinen Blick zu Boden hin auf die groben, viereckigen Steinplatten fallen lässt, schweigt der Höchste Priester, bevor er - leiser jetzt, verzweifelter - erneut zu klagen beginnt.
„Warum? Warum, mein Gott, sind deine Antworten niemals ein-deutig? Niemals klar und laut und leicht verständlich? Warum quälst du mich durch meinen freien Willen und überlässt mir die Wahl? Warum willst du Veränderung? Bist du ein Gott der Ver-änderung, ein Gott des Wandels? Ist das dein Wesen? Und bin ich - ein Werkzeug dieser Kraft?“
Wieder, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, entringt sich ein gequältes Stöhnen seiner Kehle.
“Warum, warum nur, kann nichts bleiben? Unsere Welt verändert sich, ich weiß es aus den Träumen, den Eingebungen, die du mir schenkst. Ein Umbruch steht bevor, und mir - Mennoch - ist eine Rolle dabei zugedacht. So ist es doch, Herr, oder? Ich bitte dich, gib mir Sicherheit, lass mich wissen, ob es so ist. Weise mir meine Rolle zu. Damit ich das Richtige tue und dir diene.“
Der hagere Priester verstummt.
Müden Auges tritt er an den steinernen, aus einem einzigen Stück Fels geschlagenen Thron, zu dem ihn sein Weg durch den Audi-enzsaal geführt hat, lässt sich nieder, und versinkt erneut in tiefes, grüblerisches Schweigen.

*

(...)

Der protokollarische Ablauf des Tages sah nun, im Anschluss an die Weihe, die Ausgabe der geheiligten Flüssigkeit vor. Das Holztor unter dem Balkon, auf dem Mennoch vor wenige Minuten noch gestanden hatte, öffnete sich, und spuckte eine geschäftige Wolke Priester aus, die große, mit tönernen Krügen beladene Holzkarren in den Hof zogen. Die Zeremonienlehrer der einzelnen Gruppen setzten sich in Bewegung. Unter den vielfältigen Bannern ihrer Gruppen, einem über ihren Köpfen auf und ab hüpfenden Pulk bunter Symbole, versammelten sie sich um die Karren. Schließlich kehrten sie, schwere gefüllte Amphoren der Heiligen Flüssigkeit mit sich tragend, zu ihren Gruppen zurück.
Die Kinder wühlten in ihren Taschen und zogen die Trinkschalen hervor. Die schmucklosen Holzgefäße waren mit ihren Namen und dem Jahr ihrer Nachfolge versehen; ihr ganzes Leben lang würden sie diese Schalen von nun an mit sich tragen: eine Reliquie, die zu verlieren oder zu beschädigen, als Unglück bringendes Omen galt, weil niemand mehr jemandem vertraute, der während der täglichen Riten die Lichtbringerin nicht aus seiner eigenen, namens- und datumsverzierten Schale aufnahm.
Manon fand die Schale in der Innentasche seiner Jacke, kramte sie hervor und starrte auf die eingebrannten Schriftzeichen. Manon Elthmark - Anno 1414 der Oberflächenkultur - Magister Allmoth.
Mittlerweile hatten sich die ersten Nachfolgenden um ihre Lehrer versammelt, welche die Bewahrerin in die dargebotenen Schalen der Nachfolge gossen. Über das Haupt eines jeden wurde der Se-gen gesprochen, dann durfte getrunken werden.
Einer nach dem anderen fühlte, wie die trügerische Süße der ge-heiligten Flüssigkeit ihre Körper ein erstes Mal in Besitz nahm.
Manon erzitterte. Nächtelang hatte er wachgelegen und diesen einen Augenblick wieder und wieder in seiner Vorstellung ablaufen lassen. Hunderte von Plänen hatte er geschmiedet und wieder verworfen, hunderte Pläne.
Jetzt aber war sein Kopf vollkommen leer.
Was sollte er tun?
Wie es vermeiden, die Flüssigkeit aufnehmen zu müssen?
Nur wenige andere trennten ihn noch von den prüfenden Augen des Magisters. Seine Angst wurde übermächtig, seine Gedanken rasten. Flucht? Nein, alle Tore waren verschlossen, und nur der eine, selbstmörderische Weg mitten hinein ins Herz des Tempels stand ihm offen. Etwas vortäuschen? Schmerz, Krankheit, Anfälle irgendeiner Art, eine Ohnmacht womöglich, um Zeit zu gewinnen und der Gefahr zumindest fürs Erste zu entgehen? Vielleicht. Vielleicht eine Möglichkeit. Sich der Hoffnung hingeben, im An-drang der anderen nicht aufzufallen, falls er schlicht und einfach nicht nach vorne trat? Nein, auch das war unmöglich, Allmoth würde es bemerken, er hatte sich in den vergangenen Monaten als zu aufmerksam erwiesen, für alles, was „seine“ Kinder betraf. Allmoth würde sein Ausbleiben registrieren, ihn gesondert aufrufen und dann - wäre endgültig jede Chance vertan.
Noch zwei samtblaue Rücken trennten Manon von seinem Lehrer und dessen unbarmherzigen Augen. Die Geräuschkulisse der Welt um ihn herum entfernte sich, zog sich zurück. Nur das leise Plät-schern der vergorenen, weißen Flüssigkeit, die Magister Allmoth weiter in die dargebotenen Schalen goss, blieb deutlich vernehm-bar. Das Gurgeln und Gluckern eines Mahlstroms, der Materie, wie auch Leben, unbarmherzig mit sich in die Tiefe zog, unweigerlich, letztendlich, entschlossen. Auch das eintönige Gemurmel des immer gleichen, immer wiederholten, priesterlichen Segens, den die Zeremonienlehrer leise sprachen, während ihre Hände segnend auf den gebeugten Häuptern der Nachfolgenden ruhten, blieb präsent. „Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft - trink und folge nach, trink und folge nach, trink und folge nach!“ Eindringlich sprachen die Magister zu den Kindern, erzeugten Gänsehaut und Schaudern - jene trügerische Ergriffenheit des Gesegneten, der glaubt, an etwas Großem, etwas Erhabenem teilzuhaben, das weit über sein eigenes, kleines Selbst hinausgeht.
Dann war es soweit.
„Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft - trink, Manon, trink und folge nach, trink und ...“
Manon verlor das Bewusstsein.
Die Kulissen des Tempelhofs entschwanden, und wie als hätte die Zeit selbst begonnen, sich zu verlangsamen, stürzte er dem Boden entgegen. Sein erschlaffter Arm schlug auf die steinernen Fliesen des Hofes, seine Hand löste ihren Griff um den Rand der Schale, die - hüpfend wie ein verschossener, verloren gegebener Ball auf abfallendem Grund - hohl scheppernd davonsprang.
Manon Elthmark - Anno 1414 der Oberflächenkultur - Magister Allmoth.

*

(...)

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Samstag, 31. Januar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
3 - SHE/Die Frau im Käfig oder - Der Liebestod.

(Erzählung, Lyrische Groteske).


Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.

*
Maiphas ruht in einem Stuhl, dem Rundstuhl seiner Ahnen. Gelangweilt. Übersättigt. Die dicken, beringten Finger halten zierlich ein rubin-, saphirbestücktes Trinkgefäß. Schwerer, süßlich-saurer Wein, den er trinkt und trinkt und immer wieder aufstößt, brennend Kehle, Magen, all das Fleisch, die dicken Bratenscheiben, fett.
Ein Rascheln, plötzlich, Stroh auf Käfigboden, macht den Grafen zucken, horchen, um sich blicken.
"Eleonore?"
Erst Stille, während der er regungslos verharrt und lauscht, dann Wiederholung jenes Raschelns.
Ruckartig setzt sich Maiphas auf, roter Wein schwappt über und befleckt, besudelt seine Kleidung, seine Augen weiten sich, ein glasig-wirrer Glanz befällt sie. "Eleonore!", schrill stößt er das Wort erneut ins Nichts, springt auf, wirft den Pokal weit von sich, hetzt durch den Saal zum Hängekäfig, dessen Boden, binsenvoll, nur wenig unter Augenhöhe pendelt.
Dort kauert SIE, sein Weib, die große Liebe seines Lebens. Jenes einzig wahre Wesen, dem er sich nahe fühlt, jene eine, wunderbare Seele, welche er, wie nichts ansonsten zwischen hier und dort, den Sphären irdischer Gefangenschaft und jenen jenseits des Saturn, verehrt. In Wahrheit nur ein schwarzer Schatten, schwärzer, dunkler noch - als all die Dunkelheit um ihn herum. "Eleonore?", die zum Flüstern ruhig gehaltene Stimme, poesches Wispern, zittert, "Bist du wach?"
Dann plötzlich, wiederum, ein Rumoren von der andren Seite her, ein, zwei, harte Schläge an das Holz der Burgsaaltüren, deren Flügel, in sich bebend, sich ergeben und zwischen sich hindurch, wie feuchte Lappen, eine Menschenmeute in den Saal entlassen. Keilförmig, unter Führung eines jungen Lords (die Fackel hoch erhoben über seinem blondgelockten, jugendlichen Schopf), verharrt man, sucht sich im fremden Raume zu befinden, bis man, mit einem Aufschrei, einer Kampfansage gleich, Maiphas am Hängekäfig stehen sieht.
"Nein! Neeein! Haltet ein, Ihr versteht nicht, Ihr … !", versucht der Burggraf noch zu brüllen, sein bärtiges Gesicht verzerrt, die Hände aufgeworfen, ringend, sein ganzer Körper eine Mischung aus Erstarrtheit und entsetzter Flucht. Allein der Mob, er kennt kein Zögern, kennt kein Halten, stürmt heran, Mistgabeln, Fackeln, Sensen - hoch erhoben in die Luft.
Doch dann: "Nein, wartet!"
Es ist der junge Lord, Lord Edgar, der schließlich doch noch innehält und, beide Arme ausgestreckt, um Mob und Wut zu bannen, die Worte ruft: "SO GOTT ES WILL, DENN LASST IHN REDEN!"
Und sie gehorchen, halten an und schweigen still.
Irgendetwas, tief in Maiphas, rührt sich, sendet Hoffnungsschimmer über Nervenbahnen. Reden, denkt er, während er Gewand und Haar zu ordnen sucht, Reden - ist gut.
Zugleich jedoch bemerkt er jetzt, dass alle Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihn, sondern auf etwas, dort - ein Stückchen neben, ein Stückchen hinter ihm, gerichtet ist. Er braucht nicht hinzusehen, er weiß sofort: SIE ist erwacht. Besser als jeder andere kennt er die Wirkung, die ihr Anblick auf den Verstand der Männer hat.
In den Augen jener groben Bauern, die dumpf nach seinem Leben trachten, sieht er sein Weib sich hinter Käfiggittern räkeln, ihr prächtig volles, langes Haar, voll Stroh, verfilzt und wie vor Schmutz toupiert; ihr Leib, nur karg verdeckt durch Kleiderfetzen; die schweren weißen Brüste, ausladend Hüften, Schenkel, ihre nackten, bloßen Füße. Noch halb verschlafen drückt sie den Leib ans Käfiggitter, schnurrt und schmollt und … schlägt die warm verhang‘nen Augen auf.
"Ich bitte Euch, Lord Edgar, nur auf ein Wort, ganz unter uns." Der Blick des Grafen, er zielt auf eine schmale Tür zum Nebenraum des großen Saals.
Lord Edgar zögert, dann bespricht er sich mit einem Bauernburschen. Er gibt die Fackel ab und nickt.
Man ist bereit, den Burgherrn anzuhören, der junge Lord wird mit ihm sprechen, der Rest der Meute wird das Ende des Gesprächs im Großen Saal erwarten.

*

(...)

Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.

(Schluss/Refrain).

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Donnerstag, 29. Januar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
PROLOG/Bähker - ein Rahmen.

„Schreib alles auf! Das ist die Aufgabe, die die Alten Dir zugedacht haben. Am Ende deiner Reise.“
So lauteten die Worte, die Bähker immer wieder vernahm, in seinen Träumen, und manchmal sogar mitten am Tag, während ihn eigentlich ganz andere Dinge beschäftigten, jene Dinge nämlich, die sein Alltagsleben ausmachten - der Broterwerb (eine bedauerliche, aber leider zwingende Notwendigkeit) - die sozialen Kontakte - seine Familie.
Innerlich aber war er weit mehr als nur ein einfacher Bankangestellter in einer kleinen Filiale im Südwesten Deutschlands. Tief in seinem Inneren lebte der Chronist der Zeit, ein Welten-, ein Dimensionenwanderer, uralt, erfahren und weise.
Noch vor wenigen Jahren hatte er, vielleicht mehr noch als die Menschen, denen er seine zweite Identität bis dahin offenbart hatte, an sich selbst und seinen Wahrnehmungen gezweifelt. Denn - wer in sich zwei Identitäten ausmacht, und dazu neigt, sie beide als real anzuerkennen, der ist nicht mehr weit entfernt von den grauen, trostlosen Ufern einer Diagnose, die ihm das vernichtende Brandzeichen der Schizophrenie auf den Leib brennt. So etwas hing einem ein ganzes Leben lang nach, in Personalakten, Führungszeugnissen, medizinischen Gutachten, die, egal, was auch immer SIE sagen, niemals vernichtet werden, niemals verjähren, sondern sorgfältig aufbewahrt und im entscheidenden Moment aus irgendeinem abgedunkelten Archivkeller heraufgeholt und gelesen werden. Gerade in einer Zeit, in der man sich mit den Mitteln modernster Datenerfassung darum bemühte, alle Menschen des Planeten zu durchleuchten und final zu kategorisieren, wurde man das nicht mehr los.
Bähker hatte sich am Ende nie dazu hinreißen lassen, einen Psychologen aufzusuchen (eine Tatsache, für die er sich selbst gar nicht genug beglückwünschen konnte), denn so war er frei geblieben, frei, zu tun, was immer er wollte, frei, zu gehen, wohin auch immer ihm zu gehen der Sinn stand.
Und dann, nach all den dunklen, einsamen und schmerzvollen Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, begegnete er, in einer ärmlichen Kneipe in Berlin, wohin ihn seine Bank für ein weiteres, sinnloses Fortbildungsseminar geschickt hatte, Paul Mennsfeld. Paul hatte ihn ernst genommen, ihm nickend zugehört und immer wieder sein Verständnis bekundet. „Ich weiß, wovon du sprichst“, Worte, deren Klang Karl Bähker wie eine Erlösung erschienen.
Und so hatte er begonnen, aufzuzeichnen, was der Chronist, der Weltenwanderer, der er eigentlich war, auf seinen Reisen gesehen und erlebt hatte.

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Samstag, 30. August 2025
Mommsen - und der Fluch der 11. (Erzählung/Dark/Horror/SF). (Sneak 2).
(...)

Unwirklich kreisten Polizeihubschrauber in der Dunkelheit über dem Fabrikgelände. Die weißen Lichtkegel ihrer Suchscheinwerfer wirbelten zerstreut über die schwarz-verfallenen Fabrikgebäude hinweg, eine beeindruckend filmhafte Szene, wie Mommsen fand.
Eins war klar. Wer immer sich in diesen riesigen Hallen aufhielt, er hatte nicht die geringste Chance, dem Zugriff zu entgehen, das Gelände war in zwei weiten Ringen umstellt und gesichert.
Mommsen schob sich, in weitem Kreis umgeben von Mitgliedern der speziell für solche Anlässe ausgebildeten Spezialeinheit, die sich jeweils ihren eigenen Weg über das Gelände suchten, aus der Deckung einer Verstrebung alter Betonrohre hervor und lief dann geduckt in eine neue Position unmittelbar neben dem offenstehenden Haupttor der ersten Fabrikhalle. Angespannt sah er sich nach den anderen um. Über Funk erfuhr er, dass auch sie jeweils eine gute Ausgangsposition gefunden hatten, es konnte losgehen.
Er gab das Kommando, das er, nach einer kurzen Verschnaufpause, während der er seinen stoßweise zu schnell gehenden Atem zu beruhigen suchte, ins Mikrofon zischte, und der Zugriff begann. Altes Glas klirrte, als schmutzige, großflächige Scheiben zerbrachen, das giftige Zischen der Gasgranaten und Rauchbomben erklang aus dem gähnend-schwarzen Inneren der Halle, als nur Sekunden später die Männer der Spezialeinheit, wilde Schreie ausstoßend, ihre angelegten Waffen zielend vorgehalten, vorwärtsstürmten. Mommsen zog sich die Gasmaske über das Gesicht. Mit klebrigem Druck saugte sich das Gummi an der schweißnassen Haut fest.

(...)

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Donnerstag, 7. August 2025
Der Geist in der Zelle. (Erzählung/SF).
In einer aufwallenden Staubwolke landete die Akte auf dem Boden. Niemand hatte sie herausgezogen, keine Hand hatte nach ihr gegriffen oder sie berührt, jetzt und seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr. Als wäre ein plötzlicher Windstoß durch sie hindurchgefahren, bewegten sich raschelnd die eingespannten, synthetischen Seiten und, wie zufällig, blieben sie in einer vorherbestimmten Position still und offen liegen.
Seine gewebelosen Augen machten sich ans Lesen.

*

Ohio/Dezember 2095 - An das Politische Direktorium - CPPO/NewWashington.

Dies sind die Aufzeichnungen des Insassen Ohio-33467, aufgefunden nach seinem Tod in den frühen Morgenstunden des 11. Juni 2095. Obwohl die Untersuchungskommission vehement an den Schilderungen des Selbstmörders zweifelt - ja, geneigt ist, sie für die grotesken Fantasien eines durch und durch Wahnsinnigen zu halten -, wird empfohlen, sie dem Kollektiv zugänglich zu machen. Wir übersenden Ihnen hiermit das Ergebnis unserer Untersuchung, samt einiger von uns markierter (ins Kursiv gesetzter) Passagen, die wir zur Zensur anraten, da sie ein unerwünschtes Licht auf das gesamte Zellensystem werfen könnten. Der Text selbst gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste eine kurze, allgemeine Einführung zu den Zellensystemen, ihrer Geschichte und Funktion, sowie den in diesem Fall relevanten Vorkommnissen beinhaltet, während der zweite - die entarteten, von ihm selbst formulierten Fantasien des toten Insassen Ohio-33467 im Original wiedergibt.

*

Metallische Gehäuse, fensterlos, hermetisch abgeschlossen, ohne unmittelbare Verbindung zur Außenwelt, Hunderttausende von ihnen existieren in den unzugänglichen Regionen der Hochgebirge oder den unauslotbaren Tiefen verschiedener Höhlensysteme weit unter der Oberfläche der Erde. Ihr Sinn und Zweck besteht in der gezielten Anregung und Förderung menschlicher Kreativität, einer kompromisslosen Ausreizung des in dieser Hinsicht abrufbaren, neurologisch-hormonellen Potentials. Jedem Mitglied des Kollektivs steht es mit Vollendung des dreiundzwanzigsten Lebensjahres frei, sich wirksam für den Rückzug in eine dieser hermetisch abgeschlossenen Zellen zu entscheiden. Man stellt einen einfachen Antrag und erlangt meist ohne weitere Komplikationen die Erlaubnis dazu. Bereits wenige Tage später wird die digitale Tonfolge des persönlichen Postempfängers den Eingang der Informationen zu Lagebedingungen und Standort des zugewiesenen Zellensystems anzeigen, und man verlässt seine Wohneinheit, verschließt ein letztes Mal die Tür hinter sich, um von da an ein ehrenvolles Leben im Dienste des Kollektivs zu führen. Sämtliche privaten Besitztümer werden zurückgelassen. Sie verbleiben in den Wohneinheiten der Antragssteller und werden später gegebenenfalls unter den Bedürftigen des Kollektivs verteilt. Nichts ist zur Mitnahme erlaubt, außer Büchern, digitalisierten Wissensbeständen und, vielleicht, individuellem Schreib- und Arbeitsmaterial. Alles andere, das der eine oder andere noch zu benötigen glaubt, muss nach Bezug der Zelle vor Ort beantragt werden. Seit Jahrzehnten resultieren alle bedeutenden Entdeckungen der logisch-empirischen Wissenschaft, aber auch der Geisteswissenschaft, der Kunst, der Theologie, der Philosophie, einzig aus der gezielt herausgeforderten und streng überwachten Kreativität der Zellenbewohner, denen - solange sie ihre Aufgabe erfüllen - ein sorgloses und bequemes Leben garantiert wird, einsam und spartanisch zwar, doch gänzlich frei von existentiellen Ängsten irgendeiner Art: man sorgt für sie, umgibt sie mit all der Sicherheit, die sie benötigen, um ihre Aufgabe zu erfüllen.
Natürlich - wie sollte es anders sein - provoziert diese Verheißung vollkommener existenzieller Sorglosigkeit immer wieder auch den Versuch des Missbrauchs. Diesbezüglich haben die Zellensysteme des Kollektivs mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie alle anderen, absichernden, staatlichen Versorgungs- und Wohlfahrtssysteme der Vergangenheit auch. Jedoch - der Ablauf des Lebens in der Abgeschiedenheit der Zellen lässt solche Missbrauchsversuche nicht lange unentdeckt. Wände, Fußböden und Decken der Zellen sind mit hoch sensiblen Messeinrichtungen durchsetzt, die unablässig, in jedem Augenblick, die geistige Leistungsfähigkeit der Bewohner aufzeichnen, den Aktivitätsgrad des neurologischen Apparats erfassen, um laufend mittels modernster Technologie diejenigen Parameter zu errechnen, die darüber Aufschluss geben, ob und in welchem Maße der Eingeschlossene noch produktiv funktioniert oder - im Gegenteil - in ein neurologisch dumpfes, ziel- und nutzloses Dahinvegetieren unter dem unabdingbaren Schwellenwert verfallen ist.
Letzteres ist selbstverständlich unter keinen Umständen erwünscht, es kann nicht toleriert werden.

*

(...)

Die Originalaufzeichnungen des Zellenbewohners Ohio-33467.

(Im Anschluss an seinen Selbstmord im Juni 2095 aufgefunden in seiner Zelle).

Ich erhielt meine Zuweisung, und wurde am 24. November 2093 - es war ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich kalter Tag - in meiner Zelle gebracht. Ich trat ein, hinter mir schloss sich unter laut vernehmlichen Geräuschen die stählerne Rundtür, sie verschwand, ohne vom Inneren der Zelle her noch eine Spur ihrer Existenz zu hinterlassen. Ich war glücklich. Auch in diesem entscheidenden Moment zweifelte ich keinen Augenblick an meiner Entscheidung. Endlich war ich der materiellen Welt, mit ihrer unendlichen Mühsal, ihren komplizierten Reglementierungen und Vorschriften, die inzwischen bis in die privatesten Bereiche des Daseins hineinlangten, weitestgehend entkommen, um, zumindest geistig, ein freies, mir selbst zugehöriges Leben zu führen.
Zu meiner allergrößten Freude hatte man mich dem Zellenverband Ohio zugeteilt. Was ich als große Ehre empfand, denn - das Ohio-System hatte große Leistungen hervorgebracht, nicht zuletzt, wie sie ja wissen, die auf der Arbeit des Bewohners O-18184 beruhende „Erste Allgemeingültige Formel des Allgeistes/AFA1“.
Ich blickte mich um.
Die Zelle, in Form eines doppelten Würfels angelegt, bot ein Bett, einen großflächigen Schreibtisch, Bücherregale, den unverzichtbaren Rechner, sowie eine auf den ersten Blick einladend erscheinende Sitzgruppe aus braunem Kunstleder, die um einen niedrigen, rechteckigen Glastisch herum aufgestellt worden war. Alles in allem - so mein erster Eindruck - konnte man sich nicht beschweren.
Unmittelbar begann ich mit der Arbeit.
Ich befreite meine Bücher, die noch in Kisten verpackt im Raum standen, und erstellte im Anschluss eine Liste neuer Literatur, die ich für meine Forschung benötigen würde.
Ich beabsichtigte, mich mathematisch-theologischen Spekulationen zu widmen, mein erklärtes Ziel bestand darin, in Anlehnung an die Arbeit meines Vorbilds O-18184, ein logisch-semantisches System zur Erweiterung der „AFA1“, ihrer logischen Struktur und den entsprechenden, semantischen Zugehörigkeiten zu erschaffen, das, basierend auf jener Methode jüdisch-mystischer Spekulation, die auch O-18184 in seiner Arbeit angewandt hatte, vor allem auch die Möglichkeit neuer praktischer Anwendungen erkunden sollte.
Der erste Tag meines neuen Lebens verging, und erst spät in der Nacht begab ich mich, zufrieden mit mir selbst und meiner Zukunft, zu Bett.
Doch ich kam nicht zur Ruhe.

(...)

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Donnerstag, 2. Mai 2024
LAST SNEAK: Kristallwelt (Erzählung/SF).
(...)

Eine Viertelstunde später tauchte die vermeintliche Rettung auf.
Sie hatten das verfallene Bahnhofsgelände hinter sich gelassen und bewegten sich durch die Unwirklichkeit einer spröden, von trockenen Ginstersbüschen durchsetzen Landschaft, als Finn etwas entdeckte: nicht weit entfernt, auf der Kuppe eines mit sattem Grün bedeckten Hügels, gewahrte er eine Gruppe Menschen, allem Anschein nach Bürger der Kristallstadt - eine Familie mit Kindern und, was in diesem Moment vielleicht wichtiger war als alles andere, einem blauen Van, dessen Türen einladend offen standen, während seine Besitzer damit beschäftigt waren, zwei Pferde über den Zaun einer Koppel hinweg zu streicheln und zu füttern.
Finn hätte am liebsten laut aufgeschrien.
Und genau das tat er dann auch. Er brüllte und winkte, wie ein Wahnsinniger.
Auch Eloise schrie aus Leibeskräften, allerdings tat sie es aus einem anderen Grund, denn sie hatte inzwischen über ihre Schulter gesehen und den keifenden Mob entdeckt, der sich ihnen Meter um Meter näherte.
Diesmal jedoch schien das Glück auf ihrer Seite zu sein.
Die Bürger der Kristallstadt hatten sie bemerkt, die Kinder reagierten und winkten voll ausgelassener Fröhlichkeit zurück.
So weit so gut, dachte Finn noch. Dann aber, während sie der Rettung näher und näher kamen, fielen ihm plötzlich Ungereimtheiten auf, die ihn an der Tatsächlichkeit seiner Wahrnehmungen zweifeln ließen. Die hoch aufgeschossene Gestalt des Vaters, der schließlich oben auf dem Hügel in einem grauen Staubmantel vor ihm stand - den Kopf gesenkt, das Gesicht unter der breiten Krempe eines ebenso grauen Huts verborgen – war, wie Finn entsetzt feststellte, das einzige lebende Wesen des Grüppchens. Die Frau, wie auch die Kinder, waren Leichen, mit Draht notdürftig am Gatter der Pferdekoppel befestigt, in sich spannungslos, halb verwest und mit leeren, blicklosen Augenhöhlen. Arme und Beine, bemerkte Finn, waren an lange Holzstöcke gebunden, deren Enden die männliche Gestalt in Händen hielt – wie ein Marionettenspieler, der seine Puppen führt und ihnen so den Anschein von Lebendigkeit verleiht. Sogar die beiden Pferde – stellte er fest - waren nur Trugbilder, denn unzählige fette Fliegen tummelten sich auf den sorgsam am Zaun drapierten Kadavern, während mehlige Maden sich durch das Fleisch fraßen, durch das an verschiedenen Stellen bereits die blank genagten Knochen schimmerten.
„Was zum Teufel…“, schoss es Finn durch den Kopf, und sein Unwille ließ am Ende keinen Platz mehr für reales Entsetzen.
Der Mann im Staubmantel hob den Kopf und fixierte ihn mit bedrohlichem Blick, seine Augen glühende Falter im Nichts. „Du hast doch nicht etwa gedacht, dass du damit durchkommst, Finn?“, wisperte er, „Ich, WIR!, werden eure verlogene, saubere Welt aus Kristall zerschlagen – eure glitzernden Dome und Paläste, eure Monumente, die frevlerischen Statuen eures barmherzigen Gottes, der nicht mehr ist als ein Idol, hinter dem ihr eure Verderbtheit zu verstecken sucht. Ja, Finn, auch du, und vielleicht gerade DU!“ Und mit diesen Worten hob er den Arm und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf sein Gegenüber, das sprachlos, verdattert und bleich vor ihm stand. „Wie Ratten, werden wir über Euch herfallen und nichts zurücklassen als - Glassplitter und Staub.“
Finn wurde schlecht.
Er sah den überdimensionierten Finger, der auf ihn gerichtet war, und musste würgen.

(...)

***

In: "Psyche & Phantastik I".

***

Womögliche Titeländerung: „Stadt der Engel“.

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Sonntag, 28. April 2024
Incarnation 3000 - A Weird Tale - (Erzählung/Weird) - VI/Wandler!
(...)

Josh folgte Misfits durch das Gedränge der öffentlich zugänglichen Räume des Casinos, die sie alsbald durch eine gesicherte Tür im hinteren Bereich wieder verließen, um durch leicht abfallende, in den Fels geschlagene Tunnel in eine weite, hohe Felsenhöhle zu gelangen. Bis auf einen mächtigen, ovalen Holz-Metall-Tisch, dessen Oberfläche in spätmodernistisch-spiegelndem Glanz erstrahlte, war die Höhle leer und kalt.
Misfits umrundete den Tisch und ließ sich - unmittelbar gegenüber Josh - seufzend in einen gepolsterten Drehsessel sinken. Josh bot er grinsend den Platz ihm gegenüber an.
„Nimm Platz, mein Freund. Wir erwarten die Mitglieder des Rates. Wie wäre es mit einem Schluck roten Weins?“
Josh gab keine Antwort, doch noch ehe er sich versah, fand er sich vor einem mit schwarzen Intarsien verzierten Silberpokal wieder, in den ein Bediensteter in dunkelbrauner Mönchskutte, der den beiden Ruderern, die Josh vor nicht mehr als einer halben Stunde zum Casino gebracht hatten, frappierend ähnlich sah, aus einer stumpf-verbeulten Blechkanne Rotwein ausschenkte. Wie betäubt beobachtete Josh den Fluß der rubinroten Fluten, die sich, zeitlich hundertfach verlangsamt, vor seinen Augen in das Trinkgefäß ergossen.
Auf der anderen Seite des Tischs derweil schlossen sich Misfits‘ plump behaarten Hände um den ebenfalls befüllten, eigenen Pokal, die übergroßen Edelsteine, welche die Ringe an seinen Fingern zierten, glitzerten bunt im Schein des fächerartigen Kronleuchters aus Neonröhren, der an einer im Schwarz der Höhlendecke endenden Kette über dem Zentrum des Tischs befestigt war. „Zum Wohle, mein wild entschlossener Freund!“ Er hob seinen Pokal, prostete Josh zu, und trank ihn, während zu beiden Seiten seiner Botoxlefzen roter Wein aus seinen Mundwinkeln troff, in einem einzigen, gierigen Zug aus.
Nur wenig später betraten die Mitglieder des Rats die Höhle.
In weiten, farblich irisierenden Überwürfen glitten sie in einer langen Reihe auf den Tisch zu, einer nach dem anderen nahmen sie ihre Plätze ein, einer wie der andere - legten sie ihre Umhänge ab, bevor sie sich niederließen.
Alle glichen sie Misfits bis hinein in den Schnitt seines schütteren Haars und den violetten Glitzer seines Jacketts.
„Wandler!“, durchfuhr es Josh, und obwohl er mit allem gerechnet hatte in dieser Nacht, traf ihn der Anblick wie ein Blitz. Rasch raffte Josh all das in seinem Gedächtnis zusammen, was ihm an Wissen bezüglich dieser Wesen zur Verfügung stand.
Die Wandler!
Sie galten als eines der effizientesten Produkte der GenExperimente der letzten dreihundert Jahre, soviel Josh von der Geschichte der Mutantenbewegung bekannt war, ein Spitzenprodukt der dritten Generation, von dem nur zwanzig Stück in limitierter Auflage jemals erschaffen worden war und - jetzt, in diesem Augenblick, fand er zwölf von ihnen vor seinen Augen versammelt. Diese Mutantenrasse war in der Lage, jede Gestalt anzunehmen, die anzunehmen sie beabsichtigte, in perfekter Kopie und nur äußerst schwer von den jeweiligen Originalen zu unterscheiden. Wandler galten als jähzornig, gefühlsarm, machtbesessen und verschlagen. Wer einen Wandler traf, so hieß es, und ihn als Wandler erkannte, der hatte sein Todesurteil unterzeichnet. Gnade gab es nicht.
Drüben aus der anderen Seite des Tischs grinste Misfits über beide Ohren.
Das Ganze schien ihm ein enormes Vergnügen zu bereiten.

*

Next: "Incarnation 3000 - A Weird Tale" (Erzählung/Weird) - VII - "Der Rat der Zwölf".

***

Aus: "Pase IV:Die Legende vom Bewahrer".

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Montag, 1. April 2024
Incarnation 3000 - A Weird Tale - (Erzählung/Weird) - V-II/Störtebeeker - (Fortsetzung).
(...)

Von Störtebeeker misstrauisch beäugt bestieg Josh das Boot. Als sie sich niedergelassen hatten, Josh nahe des Affen, Misfits ihm gegenüber - hinter den Ruderern, am anderen Ende des Boots, kamen dem Revolutionär Zweifel ob der Realität der Szene, in der er offenbar eine Rolle spielte. Was, wenn dies alles nur eine Illusion ist? Was, wenn die mich umgebende Kulisse sich als bloße Nachbildung einer Realität erweist? Als substanzloses Modell einer solchen? Vielleicht war er gar nicht hier, saß überhaupt nicht in diesem Boot! Und - einmal offen gesprochen: ein Mutant namens Misfits? Ein Schleim absondernder Unterweltherrscher, gehüllt in violetten Glitzer?
„Es muss ein Traum sein.“, hörte Josh sich sagen.
Noch während er weiter seine Gedanken spann, setzte irgendwo in der Dunkelheit um sie herum das hallende Geräusch einer johlenden Mutantenhorde ein, die sich, ungeachtet seiner philosophischen Fragen, beim Glücksspiel vergnügte.
Sie umrundeten einen Wall aus aufragenden Felsobelisken und -säulen, näherten sich dem sagenumwobenen Casino der Mutanten, dessen weithin bogenförmiger Zugang unregelmäßig aus einer annähernd schwarz erscheinenden Felsklippe herausgearbeitet worden war. Warmes Licht drang von innen heraus auf den stillen, dunkel ausdünstenden See aus Abfall, fauligen Kadaverresten und Exkrementen, den sie überquerten. Knirschend fuhren sie auf einem Kiesstrand auf, und noch während sie saßen forderte Misfits Josh auf, ihm als nächstes zu folgen, und sich dabei nicht weiter als vielleicht einen knappen Meter von seiner Seite zu entfernen. Im Gegenlicht des Casinoeingangs beobachtete Josh, wie vor ihm erst der gehörnte Mutant und anschließend die beiden Ruderer, die - wie eineiige Zwillinge gleich aussahen und ohne erkennbare Mimik waren, an Land kletterten.
Misfits wartete am Strand bis Josh an den Ruderern vorbei zu ihm gelangt war.
Dann drehte er sich um und stapfte den leicht ansteigenden Kiesstrand hinauf.
Josh folgte ihm dicht auf.
Hinter ihnen traten die Ruderer zusammen. Einer der beiden trug das unstete Äffchen im Matrosenshirt auf seiner Schulter; sie beratschlagten sich in einer zutiefst unmenschlichen Sprache.
„Ich sage Nein, meine Freunde! Dieser Mann ist nicht nach meinem Geschmack. Er wird uns verraten, Freunde, wird uns verraten, wird uns verraten, wird uns verraten. So wahr ich - ich bin, Störtebeeker, Mutant der dritten und - wie man mutmaßt -vorerst letzten Mutantengeneration.“
Die beiden Ruderer schwiegen, zeigten keinerlei Reaktion, und alsbald trennte man sich. Störtebeeker sprang und hüpfte den Weg hinauf in Richtung des warmen Lichts und erreichte den Eingang des Casinos nur wenige Minuten nach Josh und Misfits. Schnell verlor er sich in der Masse der umherwandelnden Besucher des Casinos, allesamt Mutanten und Hybride der unterschiedlichsten Art.

(...)

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Aus: "Phase IV - Die Legende vom Bewahrer".

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Montag, 18. März 2024
Incarnation 3000 - A Weird Tale - (Erzählung/Weird) - V-I/Störtebeeker.
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Dort, so hatte Josh die Worte des gehörnten Unterweltherrschers verstanden, sollte ein Kreis aus zwölf Ratgebern und Freunden sie erwarten. Dieser Kreis war eine der Instanzen, die Josh auf dem Weg zu Dr. Monk hinter sich zu bringen noch bevorstand. Entschlossenen Schritts bewegte er sich durch die dunstige Nacht und fühlte dabei nur wenig von jenem vibrierenden, innerlichen Zittern, das ihm stets eine entscheidende Situation ankündigte.
Nach einer Weile Wegs gelangten sie zu einer unauffälligen, steil abfallenden Betontreppe, die, in einer schmalen Seitengasse gelegen, hinab unter die Fundamente der ältesten Häuser der Stadt führte: nasser, spiegelnder Glanz auf jeder ihrer Stufen. Die Wellblechtür am Ende der Treppe öffnete sich mit einem furiosen Kreischen. Sie war unverschlossen gewesen, sodass Misfits sie einfach mit grober Pranke am verbeulten Haltegriff gepackt und aufgezogen hatte. Der Raum hinter der Tür war hell erleuchtet. Kaltes, weißes Neonlicht aus einer illegalen, altmodischen Büroröhre ließ Joshs Haut fleckig werden. Der leere Raum endete an einer gegenüber gelegenen, grünen Stahltür, welche sich ebenfalls als unverschlossen erwies. Es folgte ein lang gezogener, leicht abschüssig verlaufender Gang, in dem jeder ihrer Schritte ein Echo nach sich zog, und so gelangten sie schließlich an den Rand eines unerkenntlich weiten unterirdischen Sees, dessen bräunlichen Fluten einen erbärmlichen Gestank ausströmten.
Wie schon in dem Gang, der sie hierher geführt hatte, war es, abgesehen von ein paar wenigen Pechfackeln, die in Halterungen entlang der Felswände hinter ihnen steckten, auch hier nahezu stockfinster.
Sie warteten, schweigend, bis, erst unwirklich und kaum wahrnehmbar, dann deutlicher, sie das flackernde Licht einer weiteren Fackel gewahrten, die, wie man, während die Erscheinung sich näherte, schnell erkennen konnte, ein offenbar nervöser Affe, der im im Bug eines hölzernen, alten Ruderbootes saß, emporstreckte. Der kleine Affe mit den spinstigen Gliedmaßen und den hektisch umherzuckenden Augen trug ein rot-weiß gestreiftes Matrosenshirt, seinen Kopf wurde verziert von einer altmodischen, weißen Kapitänsmütze samt Anker.
Sein Name lautete Störtebeeker, und er war gehörig stolz darauf, einer der wenigen Mutanten der dritten und, wie man annahm, letzten Mutantengeneration zu sein.
„Misfits? Seid ihr das?“, piepste der Affe. Seine Stimme lag in einem Frequenzbereich, der die Ohren schmerzen ließ.

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Aus: "Phase IV - Die Legende vom Bewahrer".

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