Samstag, 14. März 2026
Psyche&Phantastik I - Ego/Rebell/Raum. (Textsammlung).
PROGRESSION/Membran.

Kein Dazwischen, kaum Substanz,
Erscheinungen im Inneren - im Äußeren.
Das alles ist vergänglich,
niemals fest, niemals beständig, immer werdend, in Bewegung,
strebend, sterbend, sich verbindend,
Strom,
Bewusstseinsstrom,
innerlich wie äußerlich,
eine Schwadronie - vorbei,
niemals haltend, zweigeteilt
durch die Membran, Membranum, spiegeldünn,
um Haaresbreite, vielleicht flüssig, außen, innen,
ein langer Marsch - vorbei
an der Membran.

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Donnerstag, 26. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Ego/Rebell/Raum.
HOMMAGE/Kind der Träume - Ray Bradbury.

„Wir suchen das Kind!“
Ultraviolettes Licht ließ die Gewänder der beiden schmalen, hoch aufgeschossenen Gestalten fluoreszieren. Es war nicht warm, noch kalt. Im Hintergrund, über dem rot erscheinenden Meer, versank die Sonne. Das Geräusch der an den Strand rauschenden Wellen zwang dazu, die Stimme zu erheben, um sich verständlich zu ma-chen.
Das zusammengekauerte Wesen auf dem Stein zu Füßen der beiden Fremden reagierte nicht. Sein Schädel, samt hervorspringenden Augenwülsten, spärlich mit schwarzem, borsti-gem Haar besetzt, glich dem eines Affen. Mit leeren, verständnislosen Augen beschäftigte es sich damit, Kieselsteine in immer neuen Mustern anzuordnen, das fertige Gebilde aber jedes Mal sofort wieder zu zerstören und mit seiner Tätigkeit von vorne zu beginnen. Dabei ließ es keine Emotion erkennen, keine Freude, keine Langeweile, kein wirkliches Interesse am eigenen Tun.
„Es versteht uns nicht, Elektra. Lass uns umkehren, ich glaube nicht mehr an den Erfolg der Unternehmung.“
Traurigkeit ließ die Stimme der offensichtlich männlichen Gestalt unsicher wirken.
Seine Partnerin sah ihn aus leuchtend blauen, strahlenden Augen an. Ihre langen schwarzen Wimpern standen in verwirrendem Gegensatz zu ihrer kahlrasierten, blasshäutigen Schädeldecke.
„Wir können nicht einfach so aufgeben, Kiros, du weißt, was das bedeuten würde. Die Zeit läuft uns davon. Ich bitte dich, lass uns noch ein kleines Stück weitergehen, vielleicht …“
Ihr Blick wandte sich ab und schweifte suchend in der Umgebung umher. „Dort, … “, sie hob den Arm und zeigte auf eine Gruppe hoher, kalkiger Felsen am Ende des Strands, „ … wir ersteigen diese Felsen und sehen nach, was sich dahinter befindet.“
Kiros Antlitz verzog sich in Resignation, dennoch folgte er seiner Partnerin, die sich, ohne seine Antwort abzuwarten, bereits auf den Weg gemacht hatte.
Der Blick über die Ebene, der sich ihnen eröffnete, überstieg in seiner Bizarrerie all ihre Erwartungen. Verstaubte, ausgemusterte Kinderkarussells soweit das Auge reichte; am Himmel: hunderte von Flugschiffen aus samtigem Brokat, verziert mit Troddeln, goldenen und silbernen Bordüren. Das Meer klang leiser hier oben, ein leichter Wind ließ den Anblick der vergessenen Kinderträume noch trostloser erscheinen.
Die Dämmerung brach herein.
Niemand war zu sehen.
Quecksilberne Tränen rollten über Elektras Gesicht.
„Lass uns gehen.“, flüsterte Kiros und legte seinen Arm tröstend um ihre schmalen Schultern.
Sie schlossen die Augen und verließen diese Welt.

*

(...)

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Sonntag, 22. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Ego/Rebell/Raum. (Textsammlung).
REBELLION/Das dystopische Dokument.
(Erzählung/SF).

Der Parametercountdown war aktiviert, die Uhr tickte in eckigen Ziffern, die den gesamten Bildschirm ausfüllten, herunter.
Vor wenigen Minuten war das Schiff gelandet, und 3/4/Dreieck/Raute/VII/Stern erwartete das Grüppchen vermögen-der, abenteuerlustiger Kaldarianer, die heute in den Genuss einer perfekten historischen Simulation kommen würden - zumindest wenn alles glatt ging und nicht irgendwelche unerwarteten Schwierigkeiten auftraten (was immer sein konnte, aber - aller Erfahrung nach - eher unwahrscheinlich erschien).
3/4/Dreieck/Raute/VII/Stern transformierte in die historische Kos-tümierung, die zu der anstehenden Simulation passte, und verfolgte gelangweilt den herabtickenden Countdown vor sich auf dem Bildschirm. Einer plötzlichen Eingebung nachgebend, mini-mierte er die Ansicht der herunterzählenden Zeitanzeige und startete einen halbherzigen Versuch, in das antike Datennetz der untergegangenen Zivilisation zu gelangen. Eigentlich ein illegales Verhalten, noch dazu während seiner Arbeitszeit, aber Neugier und Langeweile trieben ihn, ungeachtet der Tatsache, dass ihn eine empfindliche Strafe erwarten würde, falls man ihn ertappte, voran.
Wenige Augenblicke später wurde der Bildschirm schwarz und eine einfache Aneinanderreihung elektronischer Miditöne erklang.
Dann erschien die Meldung. Er hatte den Zugang hergestellt. Schneller und einfacher als erwartet.
Fasziniert machte er sich daran, die unbekannten Regionen des primitiven virtuellen Raums einer ersten, ziellosen Erkundung zu unterziehen. Besonderen Wert legte er dabei auf Signaturen, die auf verschlüsselte oder bewusst versteckte Dokumente oder Medi-eninhalte hinwiesen.
In einer unspektakulären Ecke des Datennetzes stieß er auf eine viel versprechende Benennungszeile.
Er übertrug den Namen der Datei in für ihn leichter verständliche Sprachzeichen und las - „Das dystopische Dokument.“
Er öffnete die Datei, zog den Kopfhörer über und schaltete den automatischen Vorlesemechanismus zu, der den Text in Kaldarian übersetzen und zum Vortrag bringen würde.
Eine Computerstimme begann zu lesen …


(...)

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Montag, 16. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Ego/Rebell/Raum. (Textsammlung).
PROGRESSION/Tischdecke.

Kinder, Zukunft, Apfelbaum,
Leben, Sterben, Badeschaum,
Liebe ewig wie ein Stein,
wie kann man sich sicher sein?

Regelmäßig unentdeckt
wird die Tischdecke befleckt,
irgendwann auf diesem Weg, irgendwann auf dieser Reise,
stirbt die Möglichkeit - ganz leise,
übrig bleibt, morsch und zerbrechlich,
ein schmaler Steg nur, doch - tatsächlich
- könnte man ihn noch begehen,
würde man es nur verstehen,
langsam sich voranzutasten,
ohne Eilen, ohne Hasten!

Lang schon bin ich unterwegs, langsam nur, doch stetig,
rüber will ich, müh‘ mich redlich,
aller Ablenkung zum Trotz,
- bis ich auf die Tischdeck‘ kotz‘.

(1992)

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Samstag, 31. Januar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
3 - SHE/Die Frau im Käfig oder - Der Liebestod.

(Erzählung, Lyrische Groteske).


Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.

*

Maiphas ruht in einem Stuhl, dem Rundstuhl seiner Ahnen. Gelangweilt. Übersättigt. Die dicken, beringten Finger halten zierlich ein rubin-, saphirbestücktes Trinkgefäß. Schwerer, süßlich-saurer Wein, den er trinkt und trinkt und immer wieder aufstößt, brennend Kehle, Magen, all das Fleisch, die dicken Bratenscheiben, fett.
Ein Rascheln, plötzlich, Stroh auf Käfigboden, macht den Grafen zucken, horchen, um sich blicken.
"Eleonore?"
Erst Stille, während der er regungslos verharrt und lauscht, dann Wiederholung jenes Raschelns.
Ruckartig setzt sich Maiphas auf, roter Wein schwappt über und befleckt, besudelt seine Kleidung, seine Augen weiten sich, ein glasig-wirrer Glanz befällt sie. "Eleonore!", schrill stößt er das Wort erneut ins Nichts, springt auf, wirft den Pokal weit von sich, hetzt durch den Saal zum Hängekäfig, dessen Boden, binsenvoll, nur wenig unter Augenhöhe pendelt.
Dort kauert SIE, sein Weib, die große Liebe seines Lebens. Jenes einzig wahre Wesen, dem er sich nahe fühlt, jene eine, wunderbare Seele, welche er, wie nichts ansonsten zwischen hier und dort, den Sphären irdischer Gefangenschaft und jenen jenseits des Saturn, verehrt. In Wahrheit nur ein schwarzer Schatten, schwärzer, dunkler noch - als all die Dunkelheit um ihn herum. "Eleonore?", die zum Flüstern ruhig gehaltene Stimme, poesches Wispern, zittert, "Bist du wach?"
Dann plötzlich, wiederum, ein Rumoren von der andren Seite her, ein, zwei, harte Schläge an das Holz der Burgsaaltüren, deren Flügel, in sich bebend, sich ergeben und zwischen sich hindurch, wie feuchte Lappen, eine Menschenmeute in den Saal entlassen. Keilförmig, unter Führung eines jungen Lords (die Fackel hoch erhoben über seinem blondgelockten, jugendlichen Schopf), verharrt man, sucht sich im fremden Raume zu befinden, bis man, mit einem Aufschrei, einer Kampfansage gleich, Maiphas am Hängekäfig stehen sieht.
"Nein! Neeein! Haltet ein, Ihr versteht nicht, Ihr … !", versucht der Burggraf noch zu brüllen, sein bärtiges Gesicht verzerrt, die Hände aufgeworfen, ringend, sein ganzer Körper eine Mischung aus Erstarrtheit und entsetzter Flucht. Allein der Mob, er kennt kein Zögern, kennt kein Halten, stürmt heran, Mistgabeln, Fackeln, Sensen - hoch erhoben in die Luft.
Doch dann: "Nein, wartet!"
Es ist der junge Lord, Lord Edgar, der schließlich doch noch innehält und, beide Arme ausgestreckt, um Mob und Wut zu bannen, die Worte ruft: "SO GOTT ES WILL, DENN LASST IHN REDEN!"
Und sie gehorchen, halten an und schweigen still.
Irgendetwas, tief in Maiphas, rührt sich, sendet Hoffnungsschimmer über Nervenbahnen. Reden, denkt er, während er Gewand und Haar zu ordnen sucht, Reden - ist gut.
Zugleich jedoch bemerkt er jetzt, dass alle Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihn, sondern auf etwas, dort - ein Stückchen neben, ein Stückchen hinter ihm, gerichtet ist. Er braucht nicht hinzusehen, er weiß sofort: SIE ist erwacht. Besser als jeder andere kennt er die Wirkung, die ihr Anblick auf den Verstand der Männer hat.
In den Augen jener groben Bauern, die dumpf nach seinem Leben trachten, sieht er sein Weib sich hinter Käfiggittern räkeln, ihr prächtig volles, langes Haar, voll Stroh, verfilzt und wie vor Schmutz toupiert; ihr Leib, nur karg verdeckt durch Kleiderfetzen; die schweren weißen Brüste, ausladend Hüften, Schenkel, ihre nackten, bloßen Füße. Noch halb verschlafen drückt sie den Leib ans Käfiggitter, schnurrt und schmollt und … schlägt die warm verhang‘nen Augen auf.
"Ich bitte Euch, Lord Edgar, nur auf ein Wort, ganz unter uns." Der Blick des Grafen, er zielt auf eine schmale Tür zum Nebenraum des großen Saals.
Lord Edgar zögert, dann bespricht er sich mit einem Bauernburschen. Er gibt die Fackel ab und nickt.
Man ist bereit, den Burgherrn anzuhören, der junge Lord wird mit ihm sprechen, der Rest der Meute wird das Ende des Gesprächs im Großen Saal erwarten.

*

(...)

Und mit der Kraft der nicht zu revidierenden Entscheidung, auf diesen seltsam eleganten, schwarzen Schwingen eines kurzen, übermächtigen Moments, stürzt er den Wein in sich hinein - und stirbt.

*

Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.

(Schluss/Refrain).

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Donnerstag, 29. Januar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
PROLOG/Bähker - ein Rahmen.

„Schreib alles auf! Das ist die Aufgabe, die die Alten Dir zugedacht haben. Am Ende deiner Reise.“
So lauteten die Worte, die Bähker immer wieder vernahm, in seinen Träumen, und manchmal sogar mitten am Tag, während ihn eigentlich ganz andere Dinge beschäftigten, jene Dinge nämlich, die sein Alltagsleben ausmachten - der Broterwerb (eine bedauerliche, aber leider zwingende Notwendigkeit) - die sozialen Kontakte - seine Familie.
Innerlich aber war er weit mehr als nur ein einfacher Bankangestellter in einer kleinen Filiale im Südwesten Deutschlands. Tief in seinem Inneren lebte der Chronist der Zeit, ein Welten-, ein Dimensionenwanderer, uralt, erfahren und weise.
Noch vor wenigen Jahren hatte er, vielleicht mehr noch als die Menschen, denen er seine zweite Identität bis dahin offenbart hatte, an sich selbst und seinen Wahrnehmungen gezweifelt. Denn - wer in sich zwei Identitäten ausmacht, und dazu neigt, sie beide als real anzuerkennen, der ist nicht mehr weit entfernt von den grauen, trostlosen Ufern einer Diagnose, die ihm das vernichtende Brandzeichen der Schizophrenie auf den Leib brennt. So etwas hing einem ein ganzes Leben lang nach, in Personalakten, Führungszeugnissen, medizinischen Gutachten, die, egal, was auch immer SIE sagen, niemals vernichtet werden, niemals verjähren, sondern sorgfältig aufbewahrt und im entscheidenden Moment aus irgendeinem abgedunkelten Archivkeller heraufgeholt und gelesen werden. Gerade in einer Zeit, in der man sich mit den Mitteln modernster Datenerfassung darum bemühte, alle Menschen des Planeten zu durchleuchten und final zu kategorisieren, wurde man das nicht mehr los.
Bähker hatte sich am Ende nie dazu hinreißen lassen, einen Psychologen aufzusuchen (eine Tatsache, für die er sich selbst gar nicht genug beglückwünschen konnte), denn so war er frei geblieben, frei, zu tun, was immer er wollte, frei, zu gehen, wohin auch immer ihm zu gehen der Sinn stand.
Und dann, nach all den dunklen, einsamen und schmerzvollen Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, begegnete er, in einer ärmlichen Kneipe in Berlin, wohin ihn seine Bank für ein weiteres, sinnloses Fortbildungsseminar geschickt hatte, Paul Mennsfeld. Paul hatte ihn ernst genommen, ihm nickend zugehört und immer wieder sein Verständnis bekundet. „Ich weiß, wovon du sprichst“, Worte, deren Klang Karl Bähker wie eine Erlösung erschienen.
Und so hatte er begonnen, aufzuzeichnen, was der Chronist, der Weltenwanderer, der er eigentlich war, auf seinen Reisen gesehen und erlebt hatte.

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Samstag, 30. August 2025
Mommsen - und der Fluch der 11. (Erzählung/Dark/Horror/SF). (Sneak 2).
(...)

Unwirklich kreisten Polizeihubschrauber in der Dunkelheit über dem Fabrikgelände. Die weißen Lichtkegel ihrer Suchscheinwerfer wirbelten zerstreut über die schwarz-verfallenen Fabrikgebäude hinweg, eine beeindruckend filmhafte Szene, wie Mommsen fand.
Eins war klar. Wer immer sich in diesen riesigen Hallen aufhielt, er hatte nicht die geringste Chance, dem Zugriff zu entgehen, das Gelände war in zwei weiten Ringen umstellt und gesichert.
Mommsen schob sich, in weitem Kreis umgeben von Mitgliedern der speziell für solche Anlässe ausgebildeten Spezialeinheit, die sich jeweils ihren eigenen Weg über das Gelände suchten, aus der Deckung einer Verstrebung alter Betonrohre hervor und lief dann geduckt in eine neue Position unmittelbar neben dem offenstehenden Haupttor der ersten Fabrikhalle. Angespannt sah er sich nach den anderen um. Über Funk erfuhr er, dass auch sie jeweils eine gute Ausgangsposition gefunden hatten, es konnte losgehen.
Er gab das Kommando, das er, nach einer kurzen Verschnaufpause, während der er seinen stoßweise zu schnell gehenden Atem zu beruhigen suchte, ins Mikrofon zischte, und der Zugriff begann. Altes Glas klirrte, als schmutzige, großflächige Scheiben zerbrachen, das giftige Zischen der Gasgranaten und Rauchbomben erklang aus dem gähnend-schwarzen Inneren der Halle, als nur Sekunden später die Männer der Spezialeinheit, wilde Schreie ausstoßend, ihre angelegten Waffen zielend vorgehalten, vorwärtsstürmten. Mommsen zog sich die Gasmaske über das Gesicht. Mit klebrigem Druck saugte sich das Gummi an der schweißnassen Haut fest.

(...)

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Donnerstag, 7. August 2025
Der Geist in der Zelle. (Erzählung/SF).
In einer aufwallenden Staubwolke landete die Akte auf dem Boden. Niemand hatte sie herausgezogen, keine Hand hatte nach ihr gegriffen oder sie berührt, jetzt und seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr. Als wäre ein plötzlicher Windstoß durch sie hindurchgefahren, bewegten sich raschelnd die eingespannten, synthetischen Seiten und, wie zufällig, blieben sie in einer vorherbestimmten Position still und offen liegen.
Seine gewebelosen Augen machten sich ans Lesen.

*

Ohio/Dezember 2095 - An das Politische Direktorium - CPPO/NewWashington.

Dies sind die Aufzeichnungen des Insassen Ohio-33467, aufgefunden nach seinem Tod in den frühen Morgenstunden des 11. Juni 2095. Obwohl die Untersuchungskommission vehement an den Schilderungen des Selbstmörders zweifelt - ja, geneigt ist, sie für die grotesken Fantasien eines durch und durch Wahnsinnigen zu halten -, wird empfohlen, sie dem Kollektiv zugänglich zu machen. Wir übersenden Ihnen hiermit das Ergebnis unserer Untersuchung, samt einiger von uns markierter (ins Kursiv gesetzter) Passagen, die wir zur Zensur anraten, da sie ein unerwünschtes Licht auf das gesamte Zellensystem werfen könnten. Der Text selbst gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste eine kurze, allgemeine Einführung zu den Zellensystemen, ihrer Geschichte und Funktion, sowie den in diesem Fall relevanten Vorkommnissen beinhaltet, während der zweite - die entarteten, von ihm selbst formulierten Fantasien des toten Insassen Ohio-33467 im Original wiedergibt.

*

Metallische Gehäuse, fensterlos, hermetisch abgeschlossen, ohne unmittelbare Verbindung zur Außenwelt, Hunderttausende von ihnen existieren in den unzugänglichen Regionen der Hochgebirge oder den unauslotbaren Tiefen verschiedener Höhlensysteme weit unter der Oberfläche der Erde. Ihr Sinn und Zweck besteht in der gezielten Anregung und Förderung menschlicher Kreativität, einer kompromisslosen Ausreizung des in dieser Hinsicht abrufbaren, neurologisch-hormonellen Potentials. Jedem Mitglied des Kollektivs steht es mit Vollendung des dreiundzwanzigsten Lebensjahres frei, sich wirksam für den Rückzug in eine dieser hermetisch abgeschlossenen Zellen zu entscheiden. Man stellt einen einfachen Antrag und erlangt meist ohne weitere Komplikationen die Erlaubnis dazu. Bereits wenige Tage später wird die digitale Tonfolge des persönlichen Postempfängers den Eingang der Informationen zu Lagebedingungen und Standort des zugewiesenen Zellensystems anzeigen, und man verlässt seine Wohneinheit, verschließt ein letztes Mal die Tür hinter sich, um von da an ein ehrenvolles Leben im Dienste des Kollektivs zu führen. Sämtliche privaten Besitztümer werden zurückgelassen. Sie verbleiben in den Wohneinheiten der Antragssteller und werden später gegebenenfalls unter den Bedürftigen des Kollektivs verteilt. Nichts ist zur Mitnahme erlaubt, außer Büchern, digitalisierten Wissensbeständen und, vielleicht, individuellem Schreib- und Arbeitsmaterial. Alles andere, das der eine oder andere noch zu benötigen glaubt, muss nach Bezug der Zelle vor Ort beantragt werden. Seit Jahrzehnten resultieren alle bedeutenden Entdeckungen der logisch-empirischen Wissenschaft, aber auch der Geisteswissenschaft, der Kunst, der Theologie, der Philosophie, einzig aus der gezielt herausgeforderten und streng überwachten Kreativität der Zellenbewohner, denen - solange sie ihre Aufgabe erfüllen - ein sorgloses und bequemes Leben garantiert wird, einsam und spartanisch zwar, doch gänzlich frei von existentiellen Ängsten irgendeiner Art: man sorgt für sie, umgibt sie mit all der Sicherheit, die sie benötigen, um ihre Aufgabe zu erfüllen.
Natürlich - wie sollte es anders sein - provoziert diese Verheißung vollkommener existenzieller Sorglosigkeit immer wieder auch den Versuch des Missbrauchs. Diesbezüglich haben die Zellensysteme des Kollektivs mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie alle anderen, absichernden, staatlichen Versorgungs- und Wohlfahrtssysteme der Vergangenheit auch. Jedoch - der Ablauf des Lebens in der Abgeschiedenheit der Zellen lässt solche Missbrauchsversuche nicht lange unentdeckt. Wände, Fußböden und Decken der Zellen sind mit hoch sensiblen Messeinrichtungen durchsetzt, die unablässig, in jedem Augenblick, die geistige Leistungsfähigkeit der Bewohner aufzeichnen, den Aktivitätsgrad des neurologischen Apparats erfassen, um laufend mittels modernster Technologie diejenigen Parameter zu errechnen, die darüber Aufschluss geben, ob und in welchem Maße der Eingeschlossene noch produktiv funktioniert oder - im Gegenteil - in ein neurologisch dumpfes, ziel- und nutzloses Dahinvegetieren unter dem unabdingbaren Schwellenwert verfallen ist.
Letzteres ist selbstverständlich unter keinen Umständen erwünscht, es kann nicht toleriert werden.

*

(...)

Die Originalaufzeichnungen des Zellenbewohners Ohio-33467.

(Im Anschluss an seinen Selbstmord im Juni 2095 aufgefunden in seiner Zelle).

Ich erhielt meine Zuweisung, und wurde am 24. November 2093 - es war ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich kalter Tag - in meiner Zelle gebracht. Ich trat ein, hinter mir schloss sich unter laut vernehmlichen Geräuschen die stählerne Rundtür, sie verschwand, ohne vom Inneren der Zelle her noch eine Spur ihrer Existenz zu hinterlassen. Ich war glücklich. Auch in diesem entscheidenden Moment zweifelte ich keinen Augenblick an meiner Entscheidung. Endlich war ich der materiellen Welt, mit ihrer unendlichen Mühsal, ihren komplizierten Reglementierungen und Vorschriften, die inzwischen bis in die privatesten Bereiche des Daseins hineinlangten, weitestgehend entkommen, um, zumindest geistig, ein freies, mir selbst zugehöriges Leben zu führen.
Zu meiner allergrößten Freude hatte man mich dem Zellenverband Ohio zugeteilt. Was ich als große Ehre empfand, denn - das Ohio-System hatte große Leistungen hervorgebracht, nicht zuletzt, wie sie ja wissen, die auf der Arbeit des Bewohners O-18184 beruhende „Erste Allgemeingültige Formel des Allgeistes/AFA1“.
Ich blickte mich um.
Die Zelle, in Form eines doppelten Würfels angelegt, bot ein Bett, einen großflächigen Schreibtisch, Bücherregale, den unverzichtbaren Rechner, sowie eine auf den ersten Blick einladend erscheinende Sitzgruppe aus braunem Kunstleder, die um einen niedrigen, rechteckigen Glastisch herum aufgestellt worden war. Alles in allem - so mein erster Eindruck - konnte man sich nicht beschweren.
Unmittelbar begann ich mit der Arbeit.
Ich befreite meine Bücher, die noch in Kisten verpackt im Raum standen, und erstellte im Anschluss eine Liste neuer Literatur, die ich für meine Forschung benötigen würde.
Ich beabsichtigte, mich mathematisch-theologischen Spekulationen zu widmen, mein erklärtes Ziel bestand darin, in Anlehnung an die Arbeit meines Vorbilds O-18184, ein logisch-semantisches System zur Erweiterung der „AFA1“, ihrer logischen Struktur und den entsprechenden, semantischen Zugehörigkeiten zu erschaffen, das, basierend auf jener Methode jüdisch-mystischer Spekulation, die auch O-18184 in seiner Arbeit angewandt hatte, vor allem auch die Möglichkeit neuer praktischer Anwendungen erkunden sollte.
Der erste Tag meines neuen Lebens verging, und erst spät in der Nacht begab ich mich, zufrieden mit mir selbst und meiner Zukunft, zu Bett.
Doch ich kam nicht zur Ruhe.

(...)

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Donnerstag, 2. Mai 2024
LAST SNEAK: Kristallwelt (Erzählung/SF).
(...)

Eine Viertelstunde später tauchte die vermeintliche Rettung auf.
Sie hatten das verfallene Bahnhofsgelände hinter sich gelassen und bewegten sich durch die Unwirklichkeit einer spröden, von trockenen Ginstersbüschen durchsetzen Landschaft, als Finn etwas entdeckte: nicht weit entfernt, auf der Kuppe eines mit sattem Grün bedeckten Hügels, gewahrte er eine Gruppe Menschen, allem Anschein nach Bürger der Kristallstadt - eine Familie mit Kindern und, was in diesem Moment vielleicht wichtiger war als alles andere, einem blauen Van, dessen Türen einladend offen standen, während seine Besitzer damit beschäftigt waren, zwei Pferde über den Zaun einer Koppel hinweg zu streicheln und zu füttern.
Finn hätte am liebsten laut aufgeschrien.
Und genau das tat er dann auch. Er brüllte und winkte, wie ein Wahnsinniger.
Auch Eloise schrie aus Leibeskräften, allerdings tat sie es aus einem anderen Grund, denn sie hatte inzwischen über ihre Schulter gesehen und den keifenden Mob entdeckt, der sich ihnen Meter um Meter näherte.
Diesmal jedoch schien das Glück auf ihrer Seite zu sein.
Die Bürger der Kristallstadt hatten sie bemerkt, die Kinder reagierten und winkten voll ausgelassener Fröhlichkeit zurück.
So weit so gut, dachte Finn noch. Dann aber, während sie der Rettung näher und näher kamen, fielen ihm plötzlich Ungereimtheiten auf, die ihn an der Tatsächlichkeit seiner Wahrnehmungen zweifeln ließen. Die hoch aufgeschossene Gestalt des Vaters, der schließlich oben auf dem Hügel in einem grauen Staubmantel vor ihm stand - den Kopf gesenkt, das Gesicht unter der breiten Krempe eines ebenso grauen Huts verborgen – war, wie Finn entsetzt feststellte, das einzige lebende Wesen des Grüppchens. Die Frau, wie auch die Kinder, waren Leichen, mit Draht notdürftig am Gatter der Pferdekoppel befestigt, in sich spannungslos, halb verwest und mit leeren, blicklosen Augenhöhlen. Arme und Beine, bemerkte Finn, waren an lange Holzstöcke gebunden, deren Enden die männliche Gestalt in Händen hielt – wie ein Marionettenspieler, der seine Puppen führt und ihnen so den Anschein von Lebendigkeit verleiht. Sogar die beiden Pferde – stellte er fest - waren nur Trugbilder, denn unzählige fette Fliegen tummelten sich auf den sorgsam am Zaun drapierten Kadavern, während mehlige Maden sich durch das Fleisch fraßen, durch das an verschiedenen Stellen bereits die blank genagten Knochen schimmerten.
„Was zum Teufel…“, schoss es Finn durch den Kopf, und sein Unwille ließ am Ende keinen Platz mehr für reales Entsetzen.
Der Mann im Staubmantel hob den Kopf und fixierte ihn mit bedrohlichem Blick, seine Augen glühende Falter im Nichts. „Du hast doch nicht etwa gedacht, dass du damit durchkommst, Finn?“, wisperte er, „Ich, WIR!, werden eure verlogene, saubere Welt aus Kristall zerschlagen – eure glitzernden Dome und Paläste, eure Monumente, die frevlerischen Statuen eures barmherzigen Gottes, der nicht mehr ist als ein Idol, hinter dem ihr eure Verderbtheit zu verstecken sucht. Ja, Finn, auch du, und vielleicht gerade DU!“ Und mit diesen Worten hob er den Arm und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf sein Gegenüber, das sprachlos, verdattert und bleich vor ihm stand. „Wie Ratten, werden wir über Euch herfallen und nichts zurücklassen als - Glassplitter und Staub.“
Finn wurde schlecht.
Er sah den überdimensionierten Finger, der auf ihn gerichtet war, und musste würgen.

(...)

***

In: "Psyche & Phantastik I".

***

Womögliche Titeländerung: „Stadt der Engel“.

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Sonntag, 28. April 2024
Incarnation 3000 - A Weird Tale - (Erzählung/Weird) - VI/Wandler!
(...)

Josh folgte Misfits durch das Gedränge der öffentlich zugänglichen Räume des Casinos, die sie alsbald durch eine gesicherte Tür im hinteren Bereich wieder verließen, um durch leicht abfallende, in den Fels geschlagene Tunnel in eine weite, hohe Felsenhöhle zu gelangen. Bis auf einen mächtigen, ovalen Holz-Metall-Tisch, dessen Oberfläche in spätmodernistisch-spiegelndem Glanz erstrahlte, war die Höhle leer und kalt.
Misfits umrundete den Tisch und ließ sich - unmittelbar gegenüber Josh - seufzend in einen gepolsterten Drehsessel sinken. Josh bot er grinsend den Platz ihm gegenüber an.
„Nimm Platz, mein Freund. Wir erwarten die Mitglieder des Rates. Wie wäre es mit einem Schluck roten Weins?“
Josh gab keine Antwort, doch noch ehe er sich versah, fand er sich vor einem mit schwarzen Intarsien verzierten Silberpokal wieder, in den ein Bediensteter in dunkelbrauner Mönchskutte, der den beiden Ruderern, die Josh vor nicht mehr als einer halben Stunde zum Casino gebracht hatten, frappierend ähnlich sah, aus einer stumpf-verbeulten Blechkanne Rotwein ausschenkte. Wie betäubt beobachtete Josh den Fluß der rubinroten Fluten, die sich, zeitlich hundertfach verlangsamt, vor seinen Augen in das Trinkgefäß ergossen.
Auf der anderen Seite des Tischs derweil schlossen sich Misfits‘ plump behaarten Hände um den ebenfalls befüllten, eigenen Pokal, die übergroßen Edelsteine, welche die Ringe an seinen Fingern zierten, glitzerten bunt im Schein des fächerartigen Kronleuchters aus Neonröhren, der an einer im Schwarz der Höhlendecke endenden Kette über dem Zentrum des Tischs befestigt war. „Zum Wohle, mein wild entschlossener Freund!“ Er hob seinen Pokal, prostete Josh zu, und trank ihn, während zu beiden Seiten seiner Botoxlefzen roter Wein aus seinen Mundwinkeln troff, in einem einzigen, gierigen Zug aus.
Nur wenig später betraten die Mitglieder des Rats die Höhle.
In weiten, farblich irisierenden Überwürfen glitten sie in einer langen Reihe auf den Tisch zu, einer nach dem anderen nahmen sie ihre Plätze ein, einer wie der andere - legten sie ihre Umhänge ab, bevor sie sich niederließen.
Alle glichen sie Misfits bis hinein in den Schnitt seines schütteren Haars und den violetten Glitzer seines Jacketts.
„Wandler!“, durchfuhr es Josh, und obwohl er mit allem gerechnet hatte in dieser Nacht, traf ihn der Anblick wie ein Blitz. Rasch raffte Josh all das in seinem Gedächtnis zusammen, was ihm an Wissen bezüglich dieser Wesen zur Verfügung stand.
Die Wandler!
Sie galten als eines der effizientesten Produkte der GenExperimente der letzten dreihundert Jahre, soviel Josh von der Geschichte der Mutantenbewegung bekannt war, ein Spitzenprodukt der dritten Generation, von dem nur zwanzig Stück in limitierter Auflage jemals erschaffen worden war und - jetzt, in diesem Augenblick, fand er zwölf von ihnen vor seinen Augen versammelt. Diese Mutantenrasse war in der Lage, jede Gestalt anzunehmen, die anzunehmen sie beabsichtigte, in perfekter Kopie und nur äußerst schwer von den jeweiligen Originalen zu unterscheiden. Wandler galten als jähzornig, gefühlsarm, machtbesessen und verschlagen. Wer einen Wandler traf, so hieß es, und ihn als Wandler erkannte, der hatte sein Todesurteil unterzeichnet. Gnade gab es nicht.
Drüben aus der anderen Seite des Tischs grinste Misfits über beide Ohren.
Das Ganze schien ihm ein enormes Vergnügen zu bereiten.

*

Next: "Incarnation 3000 - A Weird Tale" (Erzählung/Weird) - VII - "Der Rat der Zwölf".

***

Aus: "Pase IV:Die Legende vom Bewahrer".

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