Freitag, 8. Mai 2026
Psyche & Phantastik I. - Ego/Rebellion/Raum.
RAUM./Der Zweite Garten (Oaris).

Erzählung/SF.

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Nun stehe ich hier, blicke zurück, und erinnere mich daran, wie es sich anfühlt, in seine kleinsten Bestandteile zerlegt zu werden. Ein Kribbeln, wie wenn Glieder zu lange der Blutzufuhr entbehren, eine paradoxe Verbindung aus Taubheit und Schmerz, die sich steigert, anschwillt, immer unerträglicher wird …

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Diese fellbekleideten Wesen dort, hinter der energetischen Barriere, schmutzig, primitiv und wild, sollen Menschen sein? Sternenfahrer? Diese Kreaturen, denen außer einem unverständlichen, gutturalen Grunzen nichts zu entlocken ist? Die sich um ihre Feuer drängen und gierig, mit fauligen Zähnen, halbrohe Fleischfasern von bleichen Knochen reißen? Sich kreischend paaren? Sich um ihrer armseligen Besitztümer und Weibchen willen - gegenseitig töten?

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Mittwoch, 29. April 2026
Psyche & Phantastik I. - Ego/Rebellion/Raum.
REBELLION./Aus dem Nichts. (Downside).

Erzählung/FANTASY.

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Zum Zeitpunkt unserer Geschichte, im Jahr Eintausendvierhundertvierzehn der Oberfläche, bekleidet der ehrwürdige Mennochus das höchste Amt der Priesterschaft. Wir sehen ihn im Audienzsaal des Haupttempels, im abendlichen Halbdunkel, gewandet in den rostroten Talar mit dem bronzefarbenen Zeichen der abstrahierten Flamme auf seiner Brust, dem Symbol seines Ordens. Die wichtigste Insignie seines Amtes, das priesterliche Zepter, auf dessen Spitze ein glimmender Unterseitenkristall prangt, ruht ganz am Ende des Saals auf einem schmucklosen Beistelltisch neben dem Thron, eingehüllt in Tücher aus grünem Brokat.
„Herr, warum willst du Veränderung?“
Die Stimme des Höchsten Priesters hallt verloren durch die Weite des Saals. „Du sprichst zu mir, und ich weiß nicht, ist es Segen oder Fluch, mit dem du mich belegst. Deine Worte, so gewaltig, so kraftvoll, sie weisen mich an, aber ich bin nur ein Mensch und ich weiß nichts. Kann ich denn tatsächlich etwas für dich tun? Ich, Mennochus, so gering, nicht mehr als nur ein Sandkorn in den unschätzbaren Wüsten deiner Schöpfung?“
Für einen kurzen Moment, in dem er den Kopf wie zerschlagen sinken, seinen Blick zu Boden auf die groben, viereckigen Steinplatten fallen lässt, schweigt der Höchste Priester, bevor er - leiser, verzweifelter jetzt - seine Klage fortsetzt. „Warum? Warum, mein Gott, ist keines deiner Worte jemals klar, jemals eindeutig und leicht verständlich? Warum quälst du mich durch meinen freien Willen und überlässt mir die Wahl? Warum willst du Veränderung? Bist du ein Gott der Veränderung, ein Gott des Wandels? Ist das dein Wesen? Und bin ich - ein Werkzeug dieser Kraft?“
Wieder, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, entrang sich ein gequältes Stöhnen seiner Kehle.
“Warum, warum nur - kann nichts bleiben? Unsere Welt verändert sich, ich weiß es aus den Träumen, den Eingebungen, die du mir schenkst. Ein Umbruch steht bevor, und mir - Mennochus - ist eine Rolle dabei zugedacht. So ist es doch, Herr, oder nicht? Ich bitte dich, gib mir Sicherheit, lass mich wissen, ob es so ist. Weise mir meine Rolle zu, damit ich das Richtige tue und dir diene.“
Der hagere Priester verstummt erneut.
Müden Auges tritt er an den aus einem einzigen Stück Fels geschlagenen Thron, zu dem ihn sein Weg durch den Audienzsaal geführt hat, lässt sich nieder, und versinkt in tiefes, grüblerisches Sinnen.


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Ein weit entferntes Leuchten, mehr die bloße Ahnung eines Lichtphänomens, von dem man, wenn man es aus menschlicher Perspektive beurteilen wollte, nicht hätte wissen können, ob es überhaupt existierte oder letztlich nur dem unbedingten, verzweifelten Verlangen nach irgendeiner Art von Licht geschuldet war, deutete sich an.
Die träge umherkriechenden Kreaturen der Unterseite hielten inne und blickten hinab in die Leere. Tausend glühende Augenpaare sahen dem Lichphänomen entgegen, das allmählich näher kam, zu sicherer Gewissheit erblühte, heller und heller, ausgedehnter und intensiver wurde.
Nur wenige hundert Meter unter den Spitzen der am weitesten hinabreichenden Kegel kam das Lichtphänomen zum Stillstand, zog sich in sich selbst zurück, wurde zu einer unendlich dichten, messerscharf glitzernden Singularität, welche anschließend, im Zuge einer geräuschlosen Eruption, einen sich parallel zur Unterseite ausbreitenden Kranz aus Strahlung gebar, der sich weiter und weiter vergrößerte, um - am Ende - eine stabile, scharf umgrenzte Scheibe aus kaltem, weißen Licht zu formen.

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Der weiter protokollarische Ablauf des Tages sah nun, im Anschluss an die Anrufung durch den Höchsten Priester, die Ausgabe der geheiligten Flüssigkeit vor. Das Holztor unter dem Balkon, auf dem Mennochus noch vor wenige Minuten gestanden hatte, öffnete sich und spuckte eine geschäftige Wolke niederer Priester aus, die große, mit tönernen Amphoren beladene Holzkarren in den Hof schoben.
Die Zeremonienlehrer der einzelnen Gruppen setzten sich in Bewegung. Unter den vielfältigen Bannern ihrer Gruppen, einem über ihren Köpfen auf und ab tanzenden Pulk naiv gemalter, bunter Symbole, versammelten sie sich um die Karren, und kehrten schließlich, schwere, mit Heiliger Flüssigkeit gefüllte Amphoren tragend, zu ihren Zöglingen zurück.
Die Kinder wühlten in den Taschen und zogen ihre Trinkschalen hervor. Die schmucklosen Holzgefäße waren mit ihren Namen, den Namen ihrer Lehrer und dem Jahrgang der Nachfolge versehen; ihr ganzes Leben lang würden sie diese Schalen von nun an mit sich tragen: eine Reliquie, die zu verlieren oder zu beschädigen als Unglück bringendes Omen galt, weil niemand mehr jemandem vertraute, der während der täglichen, privaten Riten der Einnahme die Lichtbringerin nicht aus seiner eigenen, namens- und datumsverzierten Schale zu sich nahm.
Manon fand die Schale in der Innentasche seiner Jacke, kramte sie hervor und starrte auf die eingebrannten Schriftzeichen. Manon Elth-Mark - Im Jahr 1414 der Oberfläche - Magister Allmoth.

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Mittwoch, 22. April 2026
Psyche & Phantastik I. - Ego/Rebellion/Raum.
RAUM/Der letzte Psychonaut. (Am Ende der Reise).

Erzählung/SF.

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Das Dröhnen der Triebwerke wirkte wie ein Sakrileg in der leeren Stille des Raumes. Weite und Unendlichkeit der interstellaren Sphäre zeigten sich so undenkbar, so ohne jeglichen Anhalts- und Orientierungspunkt, dass sie auf paradoxe Weise wieder zu einem einzigen, unendlich konzentrierten, dichten Materiepunkt zusammenschrumpften: einem stofflichen Zentrum aus anthrazitfarbener Titanlegierung, das gleichmäßig in Richtung des Pferdekopfnebels voranglitt.
„NeuLand an TerraControl, NeuLand an TerraControl!“ - Marlowes Stimme hallte verloren durch den kreisrunden, mit technischen Geräten vollgestopften Kommandostand des Schiffes, während er zum wiederholten Male seinen Verbindungsruf in das aus der Steuerkonsole ragende Mikrofon entsandte. Vor vielen Jahren bereits war der Kontakt zu TerraControl abgebrochen, und längst war die Verzögerungsfrist, die bei solchen Entfernungen für die Kommunikation eingeplant werden musste, überschritten. Der Weltraum schwieg wie ein Grab. Während Marlowes Geist, in all den Jahren, dem unendlichen Raum und der Leere, durch die er nun seit achtzehn Jahren driftete, immer ähnlicher geworden war.

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Dort draußen war - einfach nur nichts.

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Sorgfältig vermied er es, durch die Sichtfenster der Kabinen zu sehen, die den Gang säumten, und hielt den Blick starr geradeaus gerichtet. Immer wenn er diesen Weg nahm, verspürte er die gleiche Furcht davor, irgendwann womöglich eine grausige Veränderung im Dasein der anderen Crewmitglieder feststellen zu müssen. Was, wenn ihr Zustand nur eine Phase des Übergangs darstellte, eine Art Verpuppung, während im Inneren der reglosen Hüllen ungeahnte, grausame Metamorphosen vor sich gingen? Was, wenn sie eines Tages wieder erwachen würden? Lebende Tote, mutiert zu einer Daseinsform, von der er sich im Vorhinein nicht die geringste Vorstellung zu machen im Stande war?
In manchen Nächten träumte er davon, dass genau dies geschah.
Dann sah er, wie sie sich aus ihren Kapseln erhoben, sah, wie sie ihn umringten, in die Enge trieben, um ihn aus erloschenen Augen anzustarren, derweil ihre knöchernen Finger sich auf ihn richteten, ihre schrillen Schreie des Protestes ihn marterten, weil er, er alleine, noch lebte und bei Bewusstsein war, während sie zu bizarren Karikaturen einer verdorrten Menschlichkeit geworden waren. Dies waren die Nächte, in denen er schweißgebadet, mit rasendem Herzen aufwachte, nach Atemluft und um sein Leben rang, bevor er, irgendwann vielleicht, wieder einschlief, nur um anschließend erneut in Albträume zu versinken. Gelang ihm das nicht, so lag er über Stunden wach und grübelte darüber nach, wie das alles angefangen hatte, wie es soweit hatte kommen können.

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Marlowe erhob sich und warf, wie um sich noch einmal zu versichern, einen Blick aus dem kleinen Bordfenster neben der Schlafkapsel. Vertraute Dunkelheit schlug ihm entgegen, nichts hatte sich geändert. Weit entfernte Sterne verfolgten ihre Bahn, irgendwo kreisten Planeten in wuchtiger Rotation befangen um Sonnen, Galaxien wurden geboren und starben, ohne sich im Geringsten um seine Existenz zu kümmern. Diese Mal, sagte er sich, soll der Traum, soll die Vision, nicht umsonst gewesen sein. Nichts war jemals umsonst. Es war vorbei. Er fühlte es. Warum leiden, angesichts der absoluten Hoffnungslosigkeit? Warum sich immer wieder nach dorthin zurücksehnen, wohin er niemals mehr würde gelangen können?

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Montag, 20. April 2026
Psyche & Phantastik I. - Ego/Rebellion/Raum.
UNBERÜHRT/Expression I.


(***)

Ich weiß noch, wie ich - ganz zu Beginn meiner Verbannung, denn als solche möchte ich das, was mir gegenwärtig widerfährt, ansehen, den Versuch unternahm, einen jener an Land gespülten, würfelförmigen, quallenartigen Kolosse als Nahrungsquelle zu nutzen, indem ich handtellergroße, glibberige Stücke aus dem glitschig blau-geäderten, mit fauligem Tang übersäten Brocken schnitt, und verzehrte.
Eine Erfahrung, die zu wiederholen mir fern liegt. Noch heute, über ein halbes Jahr später, spüre ich wie der faulig-bittere Geschmack mir brennend die Gallensäure in die Kehle trieb, während mein Magen sich verkrampfte wie ein beständig unter Strom gehaltener Muskel. Im Nachhinein muss ich mich womöglich glücklich schätzen, nicht bereits in diesen ersten Tagen meines Aufenthaltes auf dieser Welt einer Dummheit wegen ums Leben gekommen zu sein.
Was die Nahrung anging, so stellte sie bald kein Problem mehr dar. Unmittelbar nach dieser ersten, abschreckenden Erfahrung erkannte ich, dass sie mir in ausreichendem Maße zur Verfügung stand: ich hatte den ersten von unzähligen Nahrungspunkten entdeckt. Orte inmitten der Landschaft, an denen Früchte, Brot und sogar genießbares Fleisch auslagen, offen zugänglich und wie von Geisterhand immer wieder aufgefüllt und erneuert.
Tag und Nacht lag ich nach dieser Entdeckung auf der Lauer, immer in der Hoffnung, einem Menschen zu begegnen, der mir in meiner Orientierungslosigkeit würde beistehen, mein Schicksal würde erleichtern können. Irgendjemand, so dachte ich zum damaligen Zeitpunkt noch, muss diese Nahrungsmittelvorräte ergänzen! Irgendjemand!
Doch traf ich niemanden. Niemals.

(***)

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