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Sonntag, 22. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
laghbas, 18:35h
8 - REBELLION I/Das dystopische Dokument. (Erzählung/SF).
Der Parametercountdown war aktiviert, die Uhr tickte in eckigen Ziffern, die den gesamten Sichtschirm des Monitors ausfüllten, herunter.
Vor wenigen Minuten war das Schiff gelandet und 3/4/Dreieck/Raute/VII/Stern wartete auf das Grüppchen vermögender, abenteuerlustiger Kaldarianer, die heute in den Genuss einer perfekten historischen Holosimulation kommen würden - zumindest wenn alles glatt ging und nicht irgendwelche unerwarteten Schwierigkeiten auftraten (was zwar sein konnte, aber - aller Erfahrung nach - eher unwahrscheinlich erschien).
3/4/Dreieck/Raute/VII/Stern transformierte in die historische Kostümierung, die zu der anstehenden Simulation passte, und blickte gelangweilt auf den Bildschirm. Einer plötzlichen Eingebung folgend minimierte er die Ansicht der herunterzählenden Zeitanzeige und startete einen halbherzigen Versuch, in das antike Datennetz der untergegangenen Zivilisation zu gelangen. Eigentlich ein illegales Verhalten, noch dazu während seiner Arbeitszeit, aber Neugier und Langeweile trieben ihn, ungeachtet der Tatsache, dass ihn eine empfindliche Strafe erwarten würde, falls man ihn ertappte, voran.
Wenige Augenblicke später wurde der Bildschirm schwarz und eine einfache Aneinanderreihung elektronischer Miditöne erklang.
Dann erschien die Meldung.
Er hatte den Zugang hergestellt. Schneller und einfacher als erwartet.
Fasziniert machte er sich daran, die unbekannten Regionen des primitiven, virtuellen Raums einer ersten, ziellosen Erkundung zu unterziehen. Besonderen Wert legte er dabei auf Signaturen, die auf verschlüsselte oder bewusst versteckte Dokumente oder Medieninhalte hinwiesen.
In einer unspektakulären Ecke des Datennetzes stieß er auf eine viel versprechende Benennungszeile.
Er übertrug den Namen des Dokuments in für ihn leichter verständliche Sprachzeichen und las - „Das dystopische Dokument.“
Er öffnete die Datei, zog den Kopfhörer über und schaltete den automatischen Vorlesemechanismus zu, der den Text in Kaldarian übersetzen und zum Vortrag bringen würde.
Eine Computerstimme begann zu lesen…
(...)
Der Parametercountdown war aktiviert, die Uhr tickte in eckigen Ziffern, die den gesamten Sichtschirm des Monitors ausfüllten, herunter.
Vor wenigen Minuten war das Schiff gelandet und 3/4/Dreieck/Raute/VII/Stern wartete auf das Grüppchen vermögender, abenteuerlustiger Kaldarianer, die heute in den Genuss einer perfekten historischen Holosimulation kommen würden - zumindest wenn alles glatt ging und nicht irgendwelche unerwarteten Schwierigkeiten auftraten (was zwar sein konnte, aber - aller Erfahrung nach - eher unwahrscheinlich erschien).
3/4/Dreieck/Raute/VII/Stern transformierte in die historische Kostümierung, die zu der anstehenden Simulation passte, und blickte gelangweilt auf den Bildschirm. Einer plötzlichen Eingebung folgend minimierte er die Ansicht der herunterzählenden Zeitanzeige und startete einen halbherzigen Versuch, in das antike Datennetz der untergegangenen Zivilisation zu gelangen. Eigentlich ein illegales Verhalten, noch dazu während seiner Arbeitszeit, aber Neugier und Langeweile trieben ihn, ungeachtet der Tatsache, dass ihn eine empfindliche Strafe erwarten würde, falls man ihn ertappte, voran.
Wenige Augenblicke später wurde der Bildschirm schwarz und eine einfache Aneinanderreihung elektronischer Miditöne erklang.
Dann erschien die Meldung.
Er hatte den Zugang hergestellt. Schneller und einfacher als erwartet.
Fasziniert machte er sich daran, die unbekannten Regionen des primitiven, virtuellen Raums einer ersten, ziellosen Erkundung zu unterziehen. Besonderen Wert legte er dabei auf Signaturen, die auf verschlüsselte oder bewusst versteckte Dokumente oder Medieninhalte hinwiesen.
In einer unspektakulären Ecke des Datennetzes stieß er auf eine viel versprechende Benennungszeile.
Er übertrug den Namen des Dokuments in für ihn leichter verständliche Sprachzeichen und las - „Das dystopische Dokument.“
Er öffnete die Datei, zog den Kopfhörer über und schaltete den automatischen Vorlesemechanismus zu, der den Text in Kaldarian übersetzen und zum Vortrag bringen würde.
Eine Computerstimme begann zu lesen…
(...)
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Montag, 16. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
laghbas, 08:10h
1 - PROGRESSION/Tischdecke.
Kinder, Zukunft, Apfelbaum,
Leben, Sterben, Badeschaum,
Liebe ewig wie ein Stein,
wie kann man sich sicher sein?
Regelmäßig unentdeckt
wird die Tischdecke befleckt,
irgendwann auf diesem Weg, irgendwann auf dieser Reise,
stirbt die Möglichkeit - ganz leise,
übrig bleibt, morsch und zerbrechlich,
ein schmaler Steg nur, doch - tatsächlich
- könnte man ihn noch begehen,
würde man es nur verstehen,
langsam sich voranzutasten,
ohne Eilen, ohne Hasten!
Lang schon bin ich unterwegs, langsam nur, doch stetig,
rüber will ich, müh‘ mich redlich,
aller Ablenkung zum Trotz,
- bis ich auf die Tischdeck‘ kotz‘.
(1992)
Kinder, Zukunft, Apfelbaum,
Leben, Sterben, Badeschaum,
Liebe ewig wie ein Stein,
wie kann man sich sicher sein?
Regelmäßig unentdeckt
wird die Tischdecke befleckt,
irgendwann auf diesem Weg, irgendwann auf dieser Reise,
stirbt die Möglichkeit - ganz leise,
übrig bleibt, morsch und zerbrechlich,
ein schmaler Steg nur, doch - tatsächlich
- könnte man ihn noch begehen,
würde man es nur verstehen,
langsam sich voranzutasten,
ohne Eilen, ohne Hasten!
Lang schon bin ich unterwegs, langsam nur, doch stetig,
rüber will ich, müh‘ mich redlich,
aller Ablenkung zum Trotz,
- bis ich auf die Tischdeck‘ kotz‘.
(1992)
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Mittwoch, 4. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
laghbas, 13:17h
6 - REBELLION/Lichtbringer.
(Erzählung/Fantasy).
(...)
*
Im Jahr Eintausendvierhundertvierzehn der Oberflächenkultur, zum Zeitpunkt unserer Geschichte also, bekleidet der ehrwürdige Menoch das höchste Amt der Priesterschaft. Wir beobachten ihn im Audienzsaal des Haupttempels im abendlichen Halbdunkel, gewandet in den priesterlichen, rostroten Talar mit dem goldgestickten Abzeichen der abstrahierten Flamme, dem Symbol seines Ordens. Die wichtigste Insignie seines Amtes jedoch, das priesterliche Zepter, auf dessen Spitze ein glimmender Unterseitenkristall prangt, liegt ganz am Ende des Saals auf einem schmucklosen Beistelltisch neben dem Thron, eingehüllt in Tücher aus dickem, grünen Brokat.
„Herr, warum willst du Veränderung?“
Menochs Stimme hallt verloren durch die Weite des Saals.
„Du sprichst zu mir, und ich weiß nicht, ist es Segen oder Fluch, mit dem du mich belegst. Deine Stimme, so gewaltig, so kraftvoll, sie weist mich an, aber ich bin nur ein Mensch und ich weiß nichts. Kann ich denn tatsächlich etwas für dich tun? Ich, Menoch, so gering, nicht mehr als nur ein Staubkorn in den unschätzbaren Wüsten deiner Schöpfung?“
Für einen kurzen Moment, in dem er den Kopf wie zerschlagen sinken, und seinen Blick zu Boden hin auf die groben, viereckigen Steinplatten fallen lässt, schweigt der Hohepriester, bevor er - leiser jetzt, verzweifelter - erneut zu klagen beginnt.
„Warum? Warum, mein Gott, sind deine Antworten niemals eindeutig? Niemals klar und laut und leicht verständlich? Warum quälst Du mich durch meinen freien Willen und überlässt mir die Wahl? Warum willst du Veränderung? Bist du der Gott der Veränderung, der Gott des Wandels? Ist das dein Wesen? Und bin ich - ein Werkzeug dieser Kraft?“
Wieder, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, entringt sich ein gequälter Seufzer seiner Kehle.
“Warum, warum nur kann nichts bleiben? Unsere Welt verändert sich, ich weiß es aus den Träumen, den Eingebungen, die du mir schenkst. Ein Umbruch steht bevor, und mir - Menoch - ist eine Rolle dabei zugedacht. So ist es doch, Herr, oder? Ich bitte dich, gib mir Sicherheit, sage mir, dass es so ist, und weise mir meine Rolle zu. Damit ich das Richtige tue und Dir diene.“
Der hagere Priester verstummt. Müden Auges tritt er an den steinernen, massiv aus Felsgestein geschlagenen Thron, zu dem ihn sein Weg durch den Audienzsaal geführt hat, lässt sich nieder, und versinkt erneut in tiefes, grüblerischen Schweigen.
*
(...)
Der Tagesablauf sah, im Anschluss an die Weihe, die Ausgabe der heiligen Flüssigkeit vor. Das Holztor unter dem Balkon, auf dem Menoch noch vor wenige Minuten gestanden hatte, öffnete sich und stieß eine geschäftige Wolke aus Priestern aus, die große, mit tönernen Krügen beladene Holzkarren in den Hof zogen.
Die Zeremonienlehrer der einzelnen Gruppen setzten sich in Bewegung. Unter vielfältigen Bannern, einem über ihren Köpfen tänzelnder Pulk bunter Symbole, versammelten sie sich um die Karren. Kurz darauf kehrten sie, gefüllte Amphoren der Heiligen Flüssigkeit tragend, zu ihren Gruppen zurück.
Die Kinder wühlten derweil in ihren Taschen und zogen ihre Trinkschalen hervor. Die schmucklosen Holzgefäße waren mit ihren Namen und dem Jahr ihrer Nachfolge versehen; ihr ganzes Leben lang würden sie die Schalen von nun an mit sich tragen: eine Reliquie, die zu verlieren oder zu beschädigen als Unglück bringendes Omen galt, weil niemand mehr jemandem traute, der während der täglichen Riten die Lichtbringerin nicht aus seiner eigenen, namens- und datumsverzierten Schale entgegennahm.
Manon fand die Schale in einer Innentasche seiner Jacke, kramte sie hervor und starrte auf die eingebrannten Schriftzeichen.
Manon Elthmark – anno 1414 der Oberflächenkultur – Magister Almoth.
Mittlerweile hatten sich die Nachfolgenden um ihre Lehrer versammelt, die mit ausladenden Kellen die Bewahrerin in die dargebotenen Schalen der Nachfolge gossen. Über das Haupt eines jeden Kindes wurde der Segen gesprochen, dann durfte getrunken werden.
Alle fühlten wie die trügerische Süße der heiligen Flüssigkeit ihre Körper ein erstes Mal in Besitz nahm.
Manon erzitterte.
Nächtelang hatte er wachgelegen und diesen einen Augenblick wieder und wieder vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen. Hunderte von Plänen hatte er geschmiedet und wieder verworfen, hunderte Pläne.
Jetzt aber war sein Kopf vollkommen leer.
Was sollte er tun? Wie es vermeiden, die Flüssigkeit aufnehmen zu müssen?
Nur noch wenige andere trennten ihn von den prüfenden Augen des Magisters. Seine Angst wurde übermächtig, seine Gedanken rasten.
Flucht? Nein, alle Tore waren verschlossen, und nur der eine, selbstmörderische Weg mitten hinein ins Herz des Tempels stand ihm offen. Etwas vortäuschen? Schmerz, Krankheit, Anfälle irgendeiner Art, eine Ohnmacht womöglich, um Zeit zu gewinnen und der Gefahr zumindest fürs erste zu entgehen?
Vielleicht. Vielleicht eine Möglichkeit.
Sich der vagen Hoffnung hingeben, im Andrang der anderen nicht aufzufallen, wenn er schlicht und einfach nicht nach vorne trat?
Nein, auch das war unmöglich, Almoth würde es bemerken, er hatte sich in den vergangenen Monaten als zu aufmerksam erwiesen, für alles, was „seine“ Kinder betraf. Almoth würde sein Ausbleiben registrieren, ihn gesondert aufrufen und dann - wäre, endgültig, jede Chance vertan.
Noch zwei samtblaue Rücken trennten Manon von seinem Lehrer und dessen unbarmherzigen Augen. Die Geräusche der Welt um ihn herum entfernten sich, zogen sich zurück. Nur das leise Plätschern der weißen Flüssigkeit, die der Zeremonienlehrer in die dargebotenen Schalen goss, blieb deutlich vernehmbar. Das Gurgeln und Gluckern eines Mahlstroms, der Materie, wie auch Leben, unbarmherzig in die Tiefe zog, unweigerlich, letztendlich, entschlossen. Auch das eintönige Gemurmel des immer gleichen, immer wiederholten priesterlichen Segens, den der Zeremonienlehrer leise sprach, während seine Hand auf den gesenkten Köpfen der Nachfolgenden ruhte, die die Bewahrerin demütig empfingen, blieb präsent. „Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft - trink und folge nach, trink und folge nach, trink und folge nach!“ Eindringlich sprach der Magister zu den Jugendlichen und Kindern, erzeugte Gänsehaut und Schaudern - jene trügerische Ergriffenheit des Gesegneten, der glaubt, an etwas Großem, etwas Erhabenem teilzuhaben.
Dann war es soweit.
„Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft – trink, Manon, trink und folge nach, trink und...“
Manon verlor das Bewusstsein.
Die Kulissen des Tempelhofs entschwanden, und wie als hätte die Zeit begonnen, sich zu verlangsamen, fiel er dem Boden entgegen. Sein erschlaffter Arm schlug auf die steinernen Fliesen des Hofes, seine Hand löste ihren Griff um den Rand der Holzschale, die - hüpfend wie ein verloren gegebener Ball auf abschüssigem Grund - hohl scheppernd davonsprang.
Manon Elthmark – anno 1414 der Oberfläche - Meister Almoth.
*
(...)
(Erzählung/Fantasy).
(...)
*
Im Jahr Eintausendvierhundertvierzehn der Oberflächenkultur, zum Zeitpunkt unserer Geschichte also, bekleidet der ehrwürdige Menoch das höchste Amt der Priesterschaft. Wir beobachten ihn im Audienzsaal des Haupttempels im abendlichen Halbdunkel, gewandet in den priesterlichen, rostroten Talar mit dem goldgestickten Abzeichen der abstrahierten Flamme, dem Symbol seines Ordens. Die wichtigste Insignie seines Amtes jedoch, das priesterliche Zepter, auf dessen Spitze ein glimmender Unterseitenkristall prangt, liegt ganz am Ende des Saals auf einem schmucklosen Beistelltisch neben dem Thron, eingehüllt in Tücher aus dickem, grünen Brokat.
„Herr, warum willst du Veränderung?“
Menochs Stimme hallt verloren durch die Weite des Saals.
„Du sprichst zu mir, und ich weiß nicht, ist es Segen oder Fluch, mit dem du mich belegst. Deine Stimme, so gewaltig, so kraftvoll, sie weist mich an, aber ich bin nur ein Mensch und ich weiß nichts. Kann ich denn tatsächlich etwas für dich tun? Ich, Menoch, so gering, nicht mehr als nur ein Staubkorn in den unschätzbaren Wüsten deiner Schöpfung?“
Für einen kurzen Moment, in dem er den Kopf wie zerschlagen sinken, und seinen Blick zu Boden hin auf die groben, viereckigen Steinplatten fallen lässt, schweigt der Hohepriester, bevor er - leiser jetzt, verzweifelter - erneut zu klagen beginnt.
„Warum? Warum, mein Gott, sind deine Antworten niemals eindeutig? Niemals klar und laut und leicht verständlich? Warum quälst Du mich durch meinen freien Willen und überlässt mir die Wahl? Warum willst du Veränderung? Bist du der Gott der Veränderung, der Gott des Wandels? Ist das dein Wesen? Und bin ich - ein Werkzeug dieser Kraft?“
Wieder, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, entringt sich ein gequälter Seufzer seiner Kehle.
“Warum, warum nur kann nichts bleiben? Unsere Welt verändert sich, ich weiß es aus den Träumen, den Eingebungen, die du mir schenkst. Ein Umbruch steht bevor, und mir - Menoch - ist eine Rolle dabei zugedacht. So ist es doch, Herr, oder? Ich bitte dich, gib mir Sicherheit, sage mir, dass es so ist, und weise mir meine Rolle zu. Damit ich das Richtige tue und Dir diene.“
Der hagere Priester verstummt. Müden Auges tritt er an den steinernen, massiv aus Felsgestein geschlagenen Thron, zu dem ihn sein Weg durch den Audienzsaal geführt hat, lässt sich nieder, und versinkt erneut in tiefes, grüblerischen Schweigen.
*
(...)
Der Tagesablauf sah, im Anschluss an die Weihe, die Ausgabe der heiligen Flüssigkeit vor. Das Holztor unter dem Balkon, auf dem Menoch noch vor wenige Minuten gestanden hatte, öffnete sich und stieß eine geschäftige Wolke aus Priestern aus, die große, mit tönernen Krügen beladene Holzkarren in den Hof zogen.
Die Zeremonienlehrer der einzelnen Gruppen setzten sich in Bewegung. Unter vielfältigen Bannern, einem über ihren Köpfen tänzelnder Pulk bunter Symbole, versammelten sie sich um die Karren. Kurz darauf kehrten sie, gefüllte Amphoren der Heiligen Flüssigkeit tragend, zu ihren Gruppen zurück.
Die Kinder wühlten derweil in ihren Taschen und zogen ihre Trinkschalen hervor. Die schmucklosen Holzgefäße waren mit ihren Namen und dem Jahr ihrer Nachfolge versehen; ihr ganzes Leben lang würden sie die Schalen von nun an mit sich tragen: eine Reliquie, die zu verlieren oder zu beschädigen als Unglück bringendes Omen galt, weil niemand mehr jemandem traute, der während der täglichen Riten die Lichtbringerin nicht aus seiner eigenen, namens- und datumsverzierten Schale entgegennahm.
Manon fand die Schale in einer Innentasche seiner Jacke, kramte sie hervor und starrte auf die eingebrannten Schriftzeichen.
Manon Elthmark – anno 1414 der Oberflächenkultur – Magister Almoth.
Mittlerweile hatten sich die Nachfolgenden um ihre Lehrer versammelt, die mit ausladenden Kellen die Bewahrerin in die dargebotenen Schalen der Nachfolge gossen. Über das Haupt eines jeden Kindes wurde der Segen gesprochen, dann durfte getrunken werden.
Alle fühlten wie die trügerische Süße der heiligen Flüssigkeit ihre Körper ein erstes Mal in Besitz nahm.
Manon erzitterte.
Nächtelang hatte er wachgelegen und diesen einen Augenblick wieder und wieder vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen. Hunderte von Plänen hatte er geschmiedet und wieder verworfen, hunderte Pläne.
Jetzt aber war sein Kopf vollkommen leer.
Was sollte er tun? Wie es vermeiden, die Flüssigkeit aufnehmen zu müssen?
Nur noch wenige andere trennten ihn von den prüfenden Augen des Magisters. Seine Angst wurde übermächtig, seine Gedanken rasten.
Flucht? Nein, alle Tore waren verschlossen, und nur der eine, selbstmörderische Weg mitten hinein ins Herz des Tempels stand ihm offen. Etwas vortäuschen? Schmerz, Krankheit, Anfälle irgendeiner Art, eine Ohnmacht womöglich, um Zeit zu gewinnen und der Gefahr zumindest fürs erste zu entgehen?
Vielleicht. Vielleicht eine Möglichkeit.
Sich der vagen Hoffnung hingeben, im Andrang der anderen nicht aufzufallen, wenn er schlicht und einfach nicht nach vorne trat?
Nein, auch das war unmöglich, Almoth würde es bemerken, er hatte sich in den vergangenen Monaten als zu aufmerksam erwiesen, für alles, was „seine“ Kinder betraf. Almoth würde sein Ausbleiben registrieren, ihn gesondert aufrufen und dann - wäre, endgültig, jede Chance vertan.
Noch zwei samtblaue Rücken trennten Manon von seinem Lehrer und dessen unbarmherzigen Augen. Die Geräusche der Welt um ihn herum entfernten sich, zogen sich zurück. Nur das leise Plätschern der weißen Flüssigkeit, die der Zeremonienlehrer in die dargebotenen Schalen goss, blieb deutlich vernehmbar. Das Gurgeln und Gluckern eines Mahlstroms, der Materie, wie auch Leben, unbarmherzig in die Tiefe zog, unweigerlich, letztendlich, entschlossen. Auch das eintönige Gemurmel des immer gleichen, immer wiederholten priesterlichen Segens, den der Zeremonienlehrer leise sprach, während seine Hand auf den gesenkten Köpfen der Nachfolgenden ruhte, die die Bewahrerin demütig empfingen, blieb präsent. „Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft - trink und folge nach, trink und folge nach, trink und folge nach!“ Eindringlich sprach der Magister zu den Jugendlichen und Kindern, erzeugte Gänsehaut und Schaudern - jene trügerische Ergriffenheit des Gesegneten, der glaubt, an etwas Großem, etwas Erhabenem teilzuhaben.
Dann war es soweit.
„Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft – trink, Manon, trink und folge nach, trink und...“
Manon verlor das Bewusstsein.
Die Kulissen des Tempelhofs entschwanden, und wie als hätte die Zeit begonnen, sich zu verlangsamen, fiel er dem Boden entgegen. Sein erschlaffter Arm schlug auf die steinernen Fliesen des Hofes, seine Hand löste ihren Griff um den Rand der Holzschale, die - hüpfend wie ein verloren gegebener Ball auf abschüssigem Grund - hohl scheppernd davonsprang.
Manon Elthmark – anno 1414 der Oberfläche - Meister Almoth.
*
(...)
... link
Samstag, 31. Januar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
laghbas, 08:46h
3 - SHE/Die Frau im Käfig oder - Der Liebestod.
(Erzählung, Lyrische Groteske).
Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.
*
Maiphas ruht in einem Stuhl, dem Rundstuhl seiner Ahnen. Gelangweilt. Übersättigt. Die dicken, beringten Finger halten zierlich ein rubin-, saphirbestücktes Trinkgefäß. Schwerer, süßlich-saurer Wein, den er trinkt und trinkt und immer wieder aufstößt, brennend Kehle, Magen, all das Fleisch, die dicken Bratenscheiben, fett.
Ein Rascheln, plötzlich, Stroh auf Käfigboden, macht den Grafen zucken, horchen, um sich blicken.
"Eleonore?"
Erst Stille, während der er regungslos verharrt und lauscht, dann Wiederholung jenes Raschelns.
Ruckartig setzt sich Maiphas auf, roter Wein schwappt über und befleckt, besudelt seine Kleidung, seine Augen weiten sich, ein glasig-wirrer Glanz befällt sie. "Eleonore!", schrill stößt er das Wort erneut ins Nichts, springt auf, wirft den Pokal weit von sich, hetzt durch den Saal zum Hängekäfig, dessen Boden, binsenvoll, nur wenig unter Augenhöhe pendelt.
Dort kauert SIE, sein Weib, die große Liebe seines Lebens. Jenes einzig wahre Wesen, dem er sich nahe fühlt, jene eine, wunderbare Seele, welche er, wie nichts ansonsten zwischen hier und dort, den Sphären irdischer Gefangenschaft und jenen jenseits des Saturn, verehrt. In Wahrheit nur ein schwarzer Schatten, schwärzer, dunkler noch - als all die Dunkelheit um ihn herum. "Eleonore?", die zum Flüstern ruhig gehaltene Stimme, poesches Wispern, zittert, "Bist du wach?"
Dann plötzlich, wiederum, ein Rumoren von der andren Seite her, ein, zwei, harte Schläge an das Holz der Burgsaaltüren, deren Flügel, in sich bebend, sich ergeben und zwischen sich hindurch, wie feuchte Lappen, eine Menschenmeute in den Saal entlassen. Keilförmig, unter Führung eines jungen Lords (die Fackel hoch erhoben über seinem blondgelockten, jugendlichen Schopf), verharrt man, sucht sich im fremden Raume zu befinden, bis man, mit einem Aufschrei, einer Kampfansage gleich, Maiphas am Hängekäfig stehen sieht.
"Nein! Neeein! Haltet ein, Ihr versteht nicht, Ihr … !", versucht der Burggraf noch zu brüllen, sein bärtiges Gesicht verzerrt, die Hände aufgeworfen, ringend, sein ganzer Körper eine Mischung aus Erstarrtheit und entsetzter Flucht. Allein der Mob, er kennt kein Zögern, kennt kein Halten, stürmt heran, Mistgabeln, Fackeln, Sensen - hoch erhoben in die Luft.
Doch dann: "Nein, wartet!"
Es ist der junge Lord, Lord Edgar, der schließlich doch noch innehält und, beide Arme ausgestreckt, um Mob und Wut zu bannen, die Worte ruft: "SO GOTT ES WILL, DENN LASST IHN REDEN!"
Und sie gehorchen, halten an und schweigen still.
Irgendetwas, tief in Maiphas, rührt sich, sendet Hoffnungsschimmer über Nervenbahnen. Reden, denkt er, während er Gewand und Haar zu ordnen sucht, Reden - ist gut.
Zugleich jedoch bemerkt er jetzt, dass alle Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihn, sondern auf etwas, dort - ein Stückchen neben, ein Stückchen hinter ihm, gerichtet ist. Er braucht nicht hinzusehen, er weiß sofort: SIE ist erwacht. Besser als jeder andere kennt er die Wirkung, die ihr Anblick auf den Verstand der Männer hat.
In den Augen jener groben Bauern, die dumpf nach seinem Leben trachten, sieht er sein Weib sich hinter Käfiggittern räkeln, ihr prächtig volles, langes Haar, voll Stroh, verfilzt und wie vor Schmutz toupiert; ihr Leib, nur karg verdeckt durch Kleiderfetzen; die schweren weißen Brüste, ausladend Hüften, Schenkel, ihre nackten, bloßen Füße. Noch halb verschlafen drückt sie den Leib ans Käfiggitter, schnurrt und schmollt und … schlägt die warm verhang‘nen Augen auf.
"Ich bitte Euch, Lord Edgar, nur auf ein Wort, ganz unter uns." Der Blick des Grafen, er zielt auf eine schmale Tür zum Nebenraum des großen Saals.
Lord Edgar zögert, dann bespricht er sich mit einem Bauernburschen. Er gibt die Fackel ab und nickt.
Man ist bereit, den Burgherrn anzuhören, der junge Lord wird mit ihm sprechen, der Rest der Meute wird das Ende des Gesprächs im Großen Saal erwarten.
*
(...)
Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.
(Schluss/Refrain).
(Erzählung, Lyrische Groteske).
Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.
*
Maiphas ruht in einem Stuhl, dem Rundstuhl seiner Ahnen. Gelangweilt. Übersättigt. Die dicken, beringten Finger halten zierlich ein rubin-, saphirbestücktes Trinkgefäß. Schwerer, süßlich-saurer Wein, den er trinkt und trinkt und immer wieder aufstößt, brennend Kehle, Magen, all das Fleisch, die dicken Bratenscheiben, fett.
Ein Rascheln, plötzlich, Stroh auf Käfigboden, macht den Grafen zucken, horchen, um sich blicken.
"Eleonore?"
Erst Stille, während der er regungslos verharrt und lauscht, dann Wiederholung jenes Raschelns.
Ruckartig setzt sich Maiphas auf, roter Wein schwappt über und befleckt, besudelt seine Kleidung, seine Augen weiten sich, ein glasig-wirrer Glanz befällt sie. "Eleonore!", schrill stößt er das Wort erneut ins Nichts, springt auf, wirft den Pokal weit von sich, hetzt durch den Saal zum Hängekäfig, dessen Boden, binsenvoll, nur wenig unter Augenhöhe pendelt.
Dort kauert SIE, sein Weib, die große Liebe seines Lebens. Jenes einzig wahre Wesen, dem er sich nahe fühlt, jene eine, wunderbare Seele, welche er, wie nichts ansonsten zwischen hier und dort, den Sphären irdischer Gefangenschaft und jenen jenseits des Saturn, verehrt. In Wahrheit nur ein schwarzer Schatten, schwärzer, dunkler noch - als all die Dunkelheit um ihn herum. "Eleonore?", die zum Flüstern ruhig gehaltene Stimme, poesches Wispern, zittert, "Bist du wach?"
Dann plötzlich, wiederum, ein Rumoren von der andren Seite her, ein, zwei, harte Schläge an das Holz der Burgsaaltüren, deren Flügel, in sich bebend, sich ergeben und zwischen sich hindurch, wie feuchte Lappen, eine Menschenmeute in den Saal entlassen. Keilförmig, unter Führung eines jungen Lords (die Fackel hoch erhoben über seinem blondgelockten, jugendlichen Schopf), verharrt man, sucht sich im fremden Raume zu befinden, bis man, mit einem Aufschrei, einer Kampfansage gleich, Maiphas am Hängekäfig stehen sieht.
"Nein! Neeein! Haltet ein, Ihr versteht nicht, Ihr … !", versucht der Burggraf noch zu brüllen, sein bärtiges Gesicht verzerrt, die Hände aufgeworfen, ringend, sein ganzer Körper eine Mischung aus Erstarrtheit und entsetzter Flucht. Allein der Mob, er kennt kein Zögern, kennt kein Halten, stürmt heran, Mistgabeln, Fackeln, Sensen - hoch erhoben in die Luft.
Doch dann: "Nein, wartet!"
Es ist der junge Lord, Lord Edgar, der schließlich doch noch innehält und, beide Arme ausgestreckt, um Mob und Wut zu bannen, die Worte ruft: "SO GOTT ES WILL, DENN LASST IHN REDEN!"
Und sie gehorchen, halten an und schweigen still.
Irgendetwas, tief in Maiphas, rührt sich, sendet Hoffnungsschimmer über Nervenbahnen. Reden, denkt er, während er Gewand und Haar zu ordnen sucht, Reden - ist gut.
Zugleich jedoch bemerkt er jetzt, dass alle Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihn, sondern auf etwas, dort - ein Stückchen neben, ein Stückchen hinter ihm, gerichtet ist. Er braucht nicht hinzusehen, er weiß sofort: SIE ist erwacht. Besser als jeder andere kennt er die Wirkung, die ihr Anblick auf den Verstand der Männer hat.
In den Augen jener groben Bauern, die dumpf nach seinem Leben trachten, sieht er sein Weib sich hinter Käfiggittern räkeln, ihr prächtig volles, langes Haar, voll Stroh, verfilzt und wie vor Schmutz toupiert; ihr Leib, nur karg verdeckt durch Kleiderfetzen; die schweren weißen Brüste, ausladend Hüften, Schenkel, ihre nackten, bloßen Füße. Noch halb verschlafen drückt sie den Leib ans Käfiggitter, schnurrt und schmollt und … schlägt die warm verhang‘nen Augen auf.
"Ich bitte Euch, Lord Edgar, nur auf ein Wort, ganz unter uns." Der Blick des Grafen, er zielt auf eine schmale Tür zum Nebenraum des großen Saals.
Lord Edgar zögert, dann bespricht er sich mit einem Bauernburschen. Er gibt die Fackel ab und nickt.
Man ist bereit, den Burgherrn anzuhören, der junge Lord wird mit ihm sprechen, der Rest der Meute wird das Ende des Gesprächs im Großen Saal erwarten.
*
(...)
Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal. Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern. Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte - nicht.
(Schluss/Refrain).
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