Mittwoch, 4. Februar 2026
Psyche&Phantastik I - Rebell. (Textsammlung).
6 - REBELLION/Lichtbringer.

(Erzählung/Fantasy).


(...)

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Im Jahr Eintausendvierhundertvierzehn der Oberflächenkultur, zum Zeitpunkt unserer Geschichte also, bekleidet der ehrwürdige Menoch das höchste Amt der Priesterschaft. Wir beobachten ihn im Audienzsaal des Haupttempels im abendlichen Halbdunkel, gewandet in den priesterlichen, rostroten Talar mit dem goldgestickten Abzeichen der abstrahierten Flamme, dem Symbol seines Ordens. Die wichtigste Insignie seines Amtes jedoch, das priesterliche Zepter, auf dessen Spitze ein glimmender Unterseitenkristall prangt, liegt ganz am Ende des Saals auf einem schmucklosen Beistelltisch neben dem Thron, eingehüllt in Tücher aus dickem, grünen Brokat.
„Herr, warum willst du Veränderung?“
Menochs Stimme hallt verloren durch die Weite des Saals.
„Du sprichst zu mir, und ich weiß nicht, ist es Segen oder Fluch, mit dem du mich belegst. Deine Stimme, so gewaltig, so kraftvoll, sie weist mich an, aber ich bin nur ein Mensch und ich weiß nichts. Kann ich denn tatsächlich etwas für dich tun? Ich, Menoch, so gering, nicht mehr als nur ein Staubkorn in den unschätzbaren Wüsten deiner Schöpfung?“
Für einen kurzen Moment, in dem er den Kopf wie zerschlagen sinken, und seinen Blick zu Boden hin auf die groben, viereckigen Steinplatten fallen lässt, schweigt der Hohepriester, bevor er - leiser jetzt, verzweifelter - erneut zu klagen beginnt.
„Warum? Warum, mein Gott, sind deine Antworten niemals eindeutig? Niemals klar und laut und leicht verständlich? Warum quälst Du mich durch meinen freien Willen und überlässt mir die Wahl? Warum willst du Veränderung? Bist du der Gott der Veränderung, der Gott des Wandels? Ist das dein Wesen? Und bin ich - ein Werkzeug dieser Kraft?“
Wieder, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, entringt sich ein gequälter Seufzer seiner Kehle.
“Warum, warum nur kann nichts bleiben? Unsere Welt verändert sich, ich weiß es aus den Träumen, den Eingebungen, die du mir schenkst. Ein Umbruch steht bevor, und mir - Menoch - ist eine Rolle dabei zugedacht. So ist es doch, Herr, oder? Ich bitte dich, gib mir Sicherheit, sage mir, dass es so ist, und weise mir meine Rolle zu. Damit ich das Richtige tue und Dir diene.“
Der hagere Priester verstummt. Müden Auges tritt er an den steinernen, massiv aus Felsgestein geschlagenen Thron, zu dem ihn sein Weg durch den Audienzsaal geführt hat, lässt sich nieder, und versinkt erneut in tiefes, grüblerischen Schweigen.

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(...)

Der Tagesablauf sah, im Anschluss an die Weihe, die Ausgabe der heiligen Flüssigkeit vor. Das Holztor unter dem Balkon, auf dem Menoch noch vor wenige Minuten gestanden hatte, öffnete sich und stieß eine geschäftige Wolke aus Priestern aus, die große, mit tönernen Krügen beladene Holzkarren in den Hof zogen.
Die Zeremonienlehrer der einzelnen Gruppen setzten sich in Bewegung. Unter vielfältigen Bannern, einem über ihren Köpfen tänzelnder Pulk bunter Symbole, versammelten sie sich um die Karren. Kurz darauf kehrten sie, gefüllte Amphoren der Heiligen Flüssigkeit tragend, zu ihren Gruppen zurück.
Die Kinder wühlten derweil in ihren Taschen und zogen ihre Trinkschalen hervor. Die schmucklosen Holzgefäße waren mit ihren Namen und dem Jahr ihrer Nachfolge versehen; ihr ganzes Leben lang würden sie die Schalen von nun an mit sich tragen: eine Reliquie, die zu verlieren oder zu beschädigen als Unglück bringendes Omen galt, weil niemand mehr jemandem traute, der während der täglichen Riten die Lichtbringerin nicht aus seiner eigenen, namens- und datumsverzierten Schale entgegennahm.
Manon fand die Schale in einer Innentasche seiner Jacke, kramte sie hervor und starrte auf die eingebrannten Schriftzeichen.
Manon Elthmark – anno 1414 der Oberflächenkultur – Magister Almoth.
Mittlerweile hatten sich die Nachfolgenden um ihre Lehrer versammelt, die mit ausladenden Kellen die Bewahrerin in die dargebotenen Schalen der Nachfolge gossen. Über das Haupt eines jeden Kindes wurde der Segen gesprochen, dann durfte getrunken werden.
Alle fühlten wie die trügerische Süße der heiligen Flüssigkeit ihre Körper ein erstes Mal in Besitz nahm.
Manon erzitterte.
Nächtelang hatte er wachgelegen und diesen einen Augenblick wieder und wieder vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen. Hunderte von Plänen hatte er geschmiedet und wieder verworfen, hunderte Pläne.
Jetzt aber war sein Kopf vollkommen leer.
Was sollte er tun? Wie es vermeiden, die Flüssigkeit aufnehmen zu müssen?
Nur noch wenige andere trennten ihn von den prüfenden Augen des Magisters. Seine Angst wurde übermächtig, seine Gedanken rasten.
Flucht? Nein, alle Tore waren verschlossen, und nur der eine, selbstmörderische Weg mitten hinein ins Herz des Tempels stand ihm offen. Etwas vortäuschen? Schmerz, Krankheit, Anfälle irgendeiner Art, eine Ohnmacht womöglich, um Zeit zu gewinnen und der Gefahr zumindest fürs erste zu entgehen?
Vielleicht. Vielleicht eine Möglichkeit.
Sich der vagen Hoffnung hingeben, im Andrang der anderen nicht aufzufallen, wenn er schlicht und einfach nicht nach vorne trat?
Nein, auch das war unmöglich, Almoth würde es bemerken, er hatte sich in den vergangenen Monaten als zu aufmerksam erwiesen, für alles, was „seine“ Kinder betraf. Almoth würde sein Ausbleiben registrieren, ihn gesondert aufrufen und dann - wäre, endgültig, jede Chance vertan.
Noch zwei samtblaue Rücken trennten Manon von seinem Lehrer und dessen unbarmherzigen Augen. Die Geräusche der Welt um ihn herum entfernten sich, zogen sich zurück. Nur das leise Plätschern der weißen Flüssigkeit, die der Zeremonienlehrer in die dargebotenen Schalen goss, blieb deutlich vernehmbar. Das Gurgeln und Gluckern eines Mahlstroms, der Materie, wie auch Leben, unbarmherzig in die Tiefe zog, unweigerlich, letztendlich, entschlossen. Auch das eintönige Gemurmel des immer gleichen, immer wiederholten priesterlichen Segens, den der Zeremonienlehrer leise sprach, während seine Hand auf den gesenkten Köpfen der Nachfolgenden ruhte, die die Bewahrerin demütig empfingen, blieb präsent. „Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft - trink und folge nach, trink und folge nach, trink und folge nach!“ Eindringlich sprach der Magister zu den Jugendlichen und Kindern, erzeugte Gänsehaut und Schaudern - jene trügerische Ergriffenheit des Gesegneten, der glaubt, an etwas Großem, etwas Erhabenem teilzuhaben.
Dann war es soweit.
„Im Namen der Lichtbringerin, im Namen der Priesterschaft, im Namen der Schöpferkraft – trink, Manon, trink und folge nach, trink und...“
Manon verlor das Bewusstsein.
Die Kulissen des Tempelhofs entschwanden, und wie als hätte die Zeit begonnen, sich zu verlangsamen, fiel er dem Boden entgegen. Sein erschlaffter Arm schlug auf die steinernen Fliesen des Hofes, seine Hand löste ihren Griff um den Rand der Holzschale, die - hüpfend wie ein verloren gegebener Ball auf abschüssigem Grund - hohl scheppernd davonsprang.
Manon Elthmark – anno 1414 der Oberfläche - Meister Almoth.

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