Samstag, 31. Januar 2026
Psyche&Phantastik I (Textsammlung).
3 - SHE/Die Frau im Käfig oder - Der Liebestod.

(Erzählung, Lyrische Groteske).


Pendelnd, verschlagen, knirschen Kettenglieder in den Halterungen. Rings umher ein wilder Tanz aus Feuerschatten, auch von einem brennenden Kamin, dort hinten irgendwo im Saal.
Alt ist die Burg, massiv und fest sind ihre Mauern.
Doch selbst die schweren Teppiche, an Wänden und auf Böden, bannen Eiseskälte nicht.

Maiphas ruht in einem Stuhl, dem Rundstuhl seiner Ahnen. Gelangweilt. Übersättigt. Die dicken, beringten Finger halten zierlich ein rubin-, saphirbestücktes Trinkgefäß. Schwerer, süßlich-saurer Wein, den er trinkt und trinkt und immer wieder aufstößt, brennend Kehle, Magen, all das Fleisch, die dicken Bratenscheiben, fett.
Ein Rascheln, plötzlich, Stroh auf Käfigboden, macht den Grafen zucken, horchen, um sich blicken.
"Eleonore?"
Erst Stille, während der er regungslos verharrt und lauscht, dann Wiederholung jenes Raschelns.
Ruckartig setzt sich Maiphas auf, roter Wein schwappt über und befleckt, besudelt seine Kleidung, seine Augen weiten sich, ein glasig-wirrer Glanz befällt sie. "Eleonore!", schrill stößt er das Wort erneut ins Nichts, springt auf, wirft den Pokal weit von sich, hetzt durch den Saal zum Hängekäfig, dessen Boden, binsenvoll, nur wenig unter Augenhöhe pendelt.
Dort kauert SIE, sein Weib, die große Liebe seines Lebens. Jenes einzig wahre Wesen, dem er sich nahe fühlt, jene eine, wunderbare Seele, welche er, wie nichts ansonsten zwischen hier und dort, den Sphären irdischer Gefangenschaft und jenen jenseits des Saturn, verehrt. In Wahrheit nur ein schwarzer Schatten, schwärzer, dunkler noch - als all die Dunkelheit um ihn herum. "Eleonore?", die zum Flüstern ruhig gehaltene Stimme, poesches Wispern, zittert, "Bist du wach?"
Dann plötzlich, wiederum, ein Rumoren von der andren Seite her, ein, zwei, harte Schläge an das Holz der Burgsaaltüren, deren Flügel, in sich bebend, sich ergeben und zwischen sich hindurch, wie feuchte Lappen, eine Menschenmeute in den Saal entlassen. Keilförmig, unter Führung eines jungen Lords (die Fackel hoch erhoben über seinem blondgelockten, jugendlichen Schopf), verharrt man, sucht sich im fremden Raume zu befinden, bis man, mit einem Aufschrei, einer Kampfansage gleich, Maiphas am Hängekäfig stehen sieht.
"Nein! Neeein! Haltet ein, Ihr versteht nicht, Ihr … !", versucht der Burggraf noch zu brüllen, sein bärtiges Gesicht verzerrt, die Hände aufgeworfen, ringend, sein ganzer Körper eine Mischung aus Erstarrtheit und entsetzter Flucht. Allein der Mob, er kennt kein Zögern, kennt kein Halten, stürmt heran, Mistgabeln, Fackeln, Sensen - hoch erhoben in die Luft.
Doch dann: "Nein, wartet!"
Es ist der junge Lord, Lord Edgar, der schließlich doch noch innehält und, beide Arme ausgestreckt, um Mob und Wut zu bannen, die Worte ruft: "SO GOTT ES WILL, DENN LASST IHN REDEN!"
Und sie gehorchen, halten an und schweigen still.
Irgendetwas, tief in Maiphas, rührt sich, sendet Hoffnungsschimmer über Nervenbahnen. Reden, denkt er, während er Gewand und Haar zu ordnen sucht, Reden - ist gut.
Zugleich jedoch bemerkt er jetzt, dass alle Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihn, sondern auf etwas, dort - ein Stückchen neben, ein Stückchen hinter ihm, gerichtet ist. Er braucht nicht hinzusehen, er weiß sofort: SIE ist erwacht. Besser als jeder andere kennt er die Wirkung, die ihr Anblick auf den Verstand der Männer hat.
In den Augen jener groben Bauern, die dumpf nach seinem Leben trachten, sieht er sein Weib sich hinter Käfiggittern räkeln, ihr prächtig volles, langes Haar, voll Stroh, verfilzt und wie vor Schmutz toupiert; ihr Leib, nur karg verdeckt durch Kleiderfetzen; die schweren weißen Brüste, ausladend Hüften, Schenkel, ihre nackten, bloßen Füße. Noch halb verschlafen drückt sie den Leib ans Käfiggitter, schnurrt und schmollt und … schlägt die warm verhang‘nen Augen auf.
"Ich bitte Euch, Lord Edgar, nur auf ein Wort, ganz unter uns." Der Blick des Grafen, er zielt auf eine schmale Tür zum Nebenraum des großen Saals.
Lord Edgar zögert, dann bespricht er sich mit einem Bauernburschen. Er gibt die Fackel ab und nickt.
Man ist bereit, den Burgherrn anzuhören, der junge Lord wird mit ihm sprechen, der Rest der Meute wird das Ende des Gesprächs im Großen Saal erwarten.

(...)