Donnerstag, 29. Januar 2026
Psyche&Phantastik I (Textsammlung).
PROLOG/Bähker - ein Rahmen.

„Schreib alles auf! Das ist die Aufgabe, die die Alten Dir zugedacht haben. Am Ende deiner Reise.“
So lauteten die Worte, die Bähker immer wieder vernahm, in seinen Träumen, und manchmal sogar mitten am Tag, während ihn eigentlich ganz andere Dinge beschäftigten, jene Dinge nämlich, die sein Alltagsleben ausmachten - der Broterwerb (eine bedauerliche, aber leider zwingende Notwendigkeit) - die sozialen Kontakte - seine Familie.
Innerlich aber war er weit mehr als nur ein einfacher Bankangestellter in einer kleinen Filiale im Südwesten Deutschlands. Tief in seinem Inneren lebte der Chronist der Zeit, ein Welten-, ein Dimensionenwanderer, uralt, erfahren und weise.
Noch vor wenigen Jahren hatte er, vielleicht mehr noch als die Menschen, denen er seine zweite Identität bis dahin offenbart hatte, an sich selbst und seinen Wahrnehmungen gezweifelt. Denn - wer in sich zwei Identitäten ausmacht, und dazu neigt, sie beide als real anzuerkennen, der ist nicht mehr weit entfernt von den grauen, trostlosen Ufern einer Diagnose, die ihm das vernichtende Brandzeichen der Schizophrenie auf den Leib brennt. So etwas hing einem ein ganzes Leben lang nach, in Personalakten, Führungszeugnissen, medizinischen Gutachten, die, egal, was auch immer SIE sagen, niemals vernichtet werden, niemals verjähren, sondern sorgfältig aufbewahrt und im entscheidenden Moment aus irgendeinem abgedunkelten Archivkeller heraufgeholt und gelesen werden. Gerade in einer Zeit, in der man sich mit den Mitteln modernster Datenerfassung darum bemühte, alle Menschen des Planeten zu durchleuchten und final zu kategorisieren, wurde man das nicht mehr los.
Bähker hatte sich am Ende nie dazu hinreißen lassen, einen Psychologen aufzusuchen (eine Tatsache, für die er sich selbst gar nicht genug beglückwünschen konnte), denn so war er frei geblieben, frei, zu tun, was immer er wollte, frei, zu gehen, wohin auch immer ihm zu gehen der Sinn stand.
Und dann, nach all den dunklen, einsamen und schmerzvollen Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, begegnete er, in einer ärmlichen Kneipe in Berlin, wohin ihn seine Bank für ein weiteres, sinnloses Fortbildungsseminar geschickt hatte, Paul Mennsfeld. Paul hatte ihn ernst genommen, ihm nickend zugehört und immer wieder sein Verständnis bekundet. „Ich weiß, wovon du sprichst“, Worte, deren Klang Karl Bähker wie eine Erlösung erschienen.
Und so hatte er begonnen, aufzuzeichnen, was der Chronist, der Weltenwanderer, der er eigentlich war, auf seinen Reisen gesehen und erlebt hatte.