Dienstag, 20. Januar 2026
Ehremund (Der letzte Barbar). Erzählung. Fantasy.
Sein Rücken schmerzte, sein immer noch beachtlicher Bizeps zitterte.
Ehremund spaltete ein letztes Stück Holz, setzte seine Axt ab, stützte sich auf ihren Stiel und rang mit in die Armbeuge vergrabenem Gesicht um Atem. Sein langes Haar hing schwarz-grau, in filzigen Strähnen zu beiden Seiten des gebeugten Kopfs herab. Nach einer Weile sah er wieder auf, warf die beiden gespaltenen Scheite auf den Holzhaufen, der sich im Laufe des Nachmittags neben ihm gebildet hatte, schulterte die Axt und kehrte zu der nahe gelegenen Hütte zurück, in der seit über zehn Jahren lebte. Ein gealterter Kämpfer, ein ehemaliger Soldat, Söldner und Barbar, ein Veteran.
Wie hatte es so weit kommen können?
Ehremund fand keine Erklärung. Im Grunde brachte er den Verlauf dieses, seines Lebens, all die Entscheidungen, die er getroffen hatte, die Gedanken, Antriebe und Intensionen, die ihn geleitet, die Emotionen und Notwendigkeiten, die ihn an diesen Punkt seines Daseins geführt hatten, nicht unter einen Hut. Egal, wie oft er darüber nachdachte, seinen Geist schweifen ließ oder in Erinnerung versank, das alles ergab keinen Sinn.
Mit grober, schwieliger Hand hängte er die Axt an ihren Platz neben der Tür und betrat die Hütte. Der scharfe Geruch erkalteter Asche schlug ihm entgegen. Obwohl er einen Ofen und einen eisernen Herd besaß, hatte er niemals von der Gewohnheit lassen können, an einem offenen Feuer zu sitzen, und so hatte er inmitten seiner Behausung eine Feuerstelle angelegt, an der er Abend für Abend saß und trank. So lange, bis der Nebel in seinem Kopf die Vergangenheit auslöschte, und die Müdigkeit ihn dazu zwang, sich Schlafen zu legen. Meist schaffte er es dann noch die in einer hinteren Ecke der Hütte gelegene Holzstiege hinauf, die auf das schmale Plateau hinaufführte, auf dem der strohgefüllte Jutesack lag, der ihm als Matratze diente. Der ewige Schlachtenlärm. Die blutenden, auseinander klaffenden Wunden. Das Weiß in den geweiteten Augen seiner Gegner. Der Rausch.
Das alles ließ ihn nicht los.
Der frappierende Unterschied zwischen der Existenz eines Söldners und Kriegers, der unzählige Kämpfe in allen Reichen des Kontinents ausgefochten und sogar das Trennende Meer überquert hatte, um im Dienst wechselnder Herren - Städte zu erobern, fremde Völker und Stämme zu unterjochen, aufkeimende Rivalitäten zu ersticken, und dem Leben als einfacher Angestellter eines Herzogs in den Provinzen des Mittleren Reichs, der ihn aus persönlichem Interesse an der Geschichte des Kontinents, aus Mitleid, und aus Respekt vor seinem einst berüchtigten Namen, bei sich aufgenommen hatte, schien zu groß. Dort, in seinen Erinnerungen, die weiten, exotischen Wüsten Süd-Ellyriens, die schroffen, eisigen Gipfelflanken des hohen Nordens, die Gestade des Trennenden Meeres und seiner dem Kontinent vorgelagerten Inseln, - hier die bescheidenen Ländereien seines Herzogtums , ein kleiner Wald, den er zu pflegen hatte, die Holzwirtschaft, die Aufsicht über eine Handvoll einfältiger Pächter und Bauern, die das umliegende Ackerland der Burg bewirtschafteten. Wie wohl wäre sein Leben verlaufen, wenn nicht jene Schlacht stattgefunden hätte, in deren Verlauf er sich die Verletzung zugezogen hatte, die für all dies verantwortlich war?
Wieder eine dieser Fragen, die ihn marterten, immer wieder, Tag für Tag, Nacht für Nacht.

*

Rot glühte der nächtliche Himmel über Syrakin, der gebrochenen Stadt, die nach mehrwöchiger Belagerung dem Druck des anrennenden Feindes nicht mehr hatte Stand halten können. Die Plünderungen - von je her das Recht der Sieger - befanden sich in vollem Gange. Ehremund schritt durch die Straßen der Stadt, umtost vom Brüllen der Brände und dem beißenden Geruch des Rauchs, dem Geschrei weinender Kinder und ihrer sterbenden Väter und vergewaltigter Mütter.
Er selbst nahm keinen Anteil an den Exzessen - die Menschen hatten während der Belagerung genug gelitten, warum ihnen noch einmal zusätzliches Leid zufügen?
Trotz des Abscheus hatte er nie den Versuch unternommen, die barbarischen Verbrechen, die nach dem Fall einer belagerten Stadt verübt wurden, in irgendeiner Weise zu verhindern. Zu gut kannte er den Charakter der Männer, die sich, wie er selbst ja auch, ihren Lebensunterhalt als Söldner verdienten. Grausame, herz- und gottlose Tiere, die kaum mehr interessierte, als die schnelle Befriedigung ihrer primitivsten Gelüste, ihrer Gier - nach Macht, nach Reichtum und Frauen, saufende, hurende Barbaren, derart abgestumpft und gewissenlos, dass es ihnen nicht die geringsten Probleme bereitete, einen Menschen, auch wenn er längst am Boden lag, auf brutalste Art und Weise zu quälen, zu verstümmeln, und am Ende zu töten. Männer, Frauen, Kinder - es spielte einfach keine Rolle.
Ehremunds Interesse galt ausnahmslos den Dingen, die er tatsächlich benötigte.
Waffen, ein kunstvoll hergestelltes Velbruckschwert, ein ausgewogen gefertigter Dolch, eine stabile, gut gebaute Armbrust, Bekleidung, Rüstungsteile oder, wenn sich, was selten geschah, die Gelegenheit dazu ergab, ein gesundes und kräftiges Reittier, das waren die Dinge, nach denen er Ausschau hielt.
In dieser schicksalhaften Nacht betrat er müde ein noch unbeschädigtes Haus, über dessen Eingangstür das in Holz geschnitzte Symbol der empfangenden Hände auf das Geschäft eins Heilers hingedeutet hatte. Es war an der Zeit, seinen Vorrat an getrockneten Heilkräutern und Medizin zu ergänzen.
Dunkel und verlassen lag der Verkaufsraum vor ihm.
Im flackernden Schein der vor den Fensterscheiben her lodernden Bränden sah er sich nach dem Regal mit den tönernen Krügen um, in denen die Heiler für Gewöhnlich ihre Salben und Kräutermixturen aufbewahrten, entdeckte es am gegenüberliegenden Ende des Raums, ging hinüber und machte sich daran, die in steilen Runen gefassten Bezeichnungen auf den Gefäßen zu entziffern.
Unachtsamkeit.
Der Fehler eines Anfängers.
Ehremund hatte die Gefahr weder gespürt, noch hatte er den Angreifer - in dessen Händen ein schartiges Kurzschwert dämonisch glänzte - gehört. Erst als sich das Blatt der Waffe unterhalb des linken Schulterblattes in seine Muskulatur gebohrt, und ein weiterer, schnell nachgeschobener Streich ihm eine schräg über den Rücken verlaufende, augenblicklich weit aufklaffende Wunde zugefügt hatte, reagierte er. Er fuhr herum und starrte in das Gesicht eines vielleicht zwölfjährigen Jungen mit lachsfarbenem Haar, der, bleich vor Angst, das blutige Schwert kaum noch in Händen zu halten vermochte. Ein Kind!
Aufschreiend vor Wut und Schmerz schlug er dem Jungen das Schwert aus den Händen, packte ihn und - brach ihm mit einem Ruck das Genick.

*

(...)

Die schwarz gewandete Gestalt bewegte sich unruhig hin und her. Immer den gleiche Weg einschlagend, immer die gleichen zwanzig Schritte nehmend, über dicke, weiche, ellyrische Teppiche, vorbei am ornamentierten Kamin aus weißem Inselgestein, dessen kunstvoll herausgemeißelten, dionysischen Ziegenköpfe hämisch grinsend das nervöse Treiben beobachteten. Auf einer Seite, am Ende des Weges: der riesige Spiegel im goldenen Drachenrahmen, vor dem die Gestalt kurz innehielt, um sich zu betrachten. Die modischen schwarzen Pumphosen, die ebenfalls schwarzen, spitz zulaufenden Stulpenstiefeletten aus Schwarzhirschleder, das schwarze Seidenhemd, die schwarze Weste aus feinster Inselwolle.
Bewundernswert in Stil und Geschmack.
Solstice konnte nicht anders, als sich zu gefallen.
Mit leicht seitlich geneigtem Kopf bewegte er, ohne dabei die Augen nur um den Bruchteil einer Sekunde von seinem eigenen Spiegelbild abzuwenden, den gedrungenen Körper ins Halbprofil. Besonders die Accessoires, die er für diesen besonderen Tag ausgewählt hatte, fand er, schmeichelten ihm. Die schwere Halskette aus verschiedenfarbigen, naturbelassenen Edelsteinen, die zahlreichen, bizarr ausgreifenden Gold- und Silberringe an seinen Fingern, der mit tausend winzigen Strasssteinen besetzte Gürtel, der locker auf seiner Hüfte lag, und dessen glitzernde Machart sich in den beiden Bändern wiederfand, die das schwarze Leder seiner Stiefeletten toppten.

(...)

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Montag, 29. Dezember 2025
Storyidee.
„The Wizards Burden“.

Fantasy/Humoreske.

Sheckley, Asprin.

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Sonntag, 7. Dezember 2025
Baphomet-Sukkubus. (Erzählung - Klassische Phantastik, Gothic, Décadence).
Ankunft.

Nun, hier war ich also.
Ich stieg aus der Kutsche, die mich vom nahe gelegenen Dorf herauf nach Harford Manor gebracht hatte. Kaum, dass ich mit den Füßen den Boden berührt und mein Gepäck abgeladen hatte, vernahm ich hinter mir das gellende Schnalzen eines Peitschenhiebs, begleitet von der herrisch-knappen Aufforderung einer alten, versoffenen Stimme, welche die Pferde zum unverzüglichen Aufbruch antrieb. Die Kutsche wendete in einem großen Kreis, flog unangemessen schnell über den hellen, staubigen Kies zurück in Richtung Haupttor des Anwesens, verschwand zwischen den dickstämmigen Bäumen des herbstlichen Parks, ließ mich - alleine zurück.
Das passte zu den Reaktionen, die ich bereits bei meiner Ankunft im Dorf hatte erleben können: meinem Ansinnen, dem Herrn von Harford Manor meine Aufwartung machen zu wollen, waren misstrauische, beinahe ängstliche Blicke gefolgt, ja, gar hatte ich zu fürchten gehabt, den Rest des Weges, das Gepäck im Schweiße meines Angesichts selbst tragend, zu Fuß zurücklegen zu müssen, falls niemand bereit gewesen wäre, für meine Beförderung zu sorgen. Nach wie vor war ich verwundert über dieses Verhalten, schob es aber auf die Verschrobenheit der ländlich-provinziellen Bevölkerung, die ja, wie jeder weiß, oftmals den unverständlichsten Impulsen nachgibt - und sich nichts dabei denkt.
Ich zuckte mit den Schultern und wandte mich um. In meiner Rocktasche trug ich ein Schreiben, das mein früherer Studienkamerad Allan Harford mir vor einigen Wochen hatte zukommen lassen und das der eigentliche Anlass für mein Hiersein war. Zu meinem Bedauern war ich nicht in der Lage gewesen, unmittelbar auf das Schreiben zu reagieren, unaufschiebbare Verpflichtungen in Zusammenhang mit meiner Professorenstelle an der ehrwürdigen Universität in Olford, wo selbst ich das „Institut für Strenge Komparistik“ leite, hatten mich gezwungen, den in seinen Zeilen unmissverständlich erbetenen, dringenden Besuch noch um einige lange Wochen aufzuschieben, Wochen, in denen meine Gedanken aber bereits auf seltsame und, wie ich Ihnen versichern kann, auf für meine Person ganz und gar untypische Art und Weise, mit Allan Harford und dem Inhalt seines Schreibens beschäftigt geblieben waren. Tatsächlich war es mir sogar schwer gefallen, mich noch auf die obligatorischen Jahresabschlussprüfungen zu konzentrieren, die zu jenem Zeitpunkt, an dem mich sein Schreiben erreichte, noch an meinem Institut abzuhalten gewesen waren.
Das Schreiben!
Hastig fuhr ich mit der rechten Hand in die Rocktasche, tastete fahrig nach dem gefalteten Stück Pergament, das sich meiner Ansicht nach darin befinden musste, und erschrak, als ich es nicht sofort finden konnte. Bald jedoch bemerkte ich, dass ich es bereits in der anderen Hand hielt, ich musste es wohl unbewusst aus der Tasche herausgezogen haben. Über mich selbst lächelnd, den Kopf schüttelnd, entfaltete ich, wohl zum hundertsten Male, den Brief und überflog noch einmal die an mich gerichteten Worte. Überspannt klangen sie, die Formulierungen strotzten vor, sagen wir, irritierenden Ausdrücken, deren Bedeutung zu verstehen selbst mir, im Gebrauch von Fremdwörtern nicht unbeschlagen, Schwierigkeiten bereitet hatte. Harford sprach von spiritistischen Themen. Und zwar auf eine durch und durch beängstigende, intensive Weise, so als spräche er von Dingen, an deren Realität es tatsächlich keinen Zweifel geben konnte.
Nun, ich war der angesehene Professor einer der ehrenwertesten Akademien des Landes, und mein Fach, dem ich voll idealistischer Überzeugung anhing, gründete fest im Boden der streng naturwissenschaftlichen Methodik, Physik, Chemie, Biologie, auch Astrophysik, das waren die Gebiete, die ich mittels der Strengen Komparistik erforschte, aus tiefster Überzeugung und von ganzem Herzen.
Ein - wie ich vermutete - weiterer Grund, der dafür verantwortlich war, dass ich nun hier stand.
„Da du ja, wie ich weiß, ein Mann der Rationalität bist, ein kritischer, skeptizistischer Geist, ein selbstreflektierender und objektiv abwägender Beobachter." So, oder so ähnlich, lauteten seine oft in Nebensätzen verborgenen Anspielungen auf meinen philosophischen Standpunkt, und damit, wie mir schien, auf den Gegensatz zwischen dem rationalen, gesunden Menschenverstand (den er offenbar mir zusprach) und jenen fragwürdigen Vorkommnissen, die er in seinem Brief schilderte, und die ihn, wie er meinte, „ganz bis an die Grenzen seiner nervlichen Belastbarkeit“ geführt hätten.
Das alles, hatte, wie Sie jetzt verstehen werden, meine Neugier geweckt, und so war ich endlich aufgebrochen, um Allan Harford, jenem ausgelassenen, lebenstrunkenen Kommilitonen, an den ich mich, trotz der vielen Jahre, in denen wir uns nicht sahen, immer noch eindrücklich erinnern konnte, einen Besuch abzustatten.

(...)

Justine

„Sie sucht mich heim, Tristan, sie verfolgt mich…“, bestürzt bemerkte ich, wie er plötzlich die Hände rang, „… sie quält meinen Geist, zerstört meinen Verstand. Tristan, sie degradiert mich zum Tier! Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst, ein Schatten nur, und Tag für Tag, Nacht für Nacht, schreitet mein Verfall voran. Ich sehe in den Spiegel, Tristan, ich suche den Mann, der ich gewesen bin, - ich finde ihn nicht. Was habe ich getan? Mein Gott, was habe ich verbrochen, welcher Sünde habe ich mich schuldig gemacht?“
Noch während er die Worte ausstieß wurde ich Zeuge einer verblüffenden Veränderung. Tatsächlich! Der Mann vor meinen Augen zerfiel. Sein Wesen, seine Ausstrahlung, wurde zu einer offenen Wunde, aus der, viel zu schnell, viel zu viel Blut entwich, seine mit einem Mal von Schatten umlagerten Augen zogen sich weit in ihre Höhlen zurück, sein Antlitz schien, einerseits, in sich zusammenzufallen, andererseits sich ins Unendliche hinaus auszudehnen. Er begann zu zittern, seine Stimme klang ängstlich belegt, während er zwischendurch - wie irre - immer wieder in absurde, irritierende Anfälle selbst verhöhnenden Gelächters ausbrach. „Ich begehre sie,…“, grinste er mich, für einen Moment innehaltend, mit idiotischem Gesichtsausdruck an, „…aber diese Begierde bringt mich um, verstehst du? Sie vernichtet mich. Ich bin versklavt. Von einem Vampir, der mir die Lebenskraft aussaugt, sie, sie, - immer nur SIE!“
Kein Zweifel, ich saß wieder jener menschlichen Ruine gegenüber, die mir am Mittag bei meiner Ankunft auf Harford Manor die Tür geöffnet und mich begrüßt hatte.
Ich stellte mein Glas ab, legte die Zigarre in den Aschenbecher, beugte mich vor und ergriff seine Hand.
Wie ein einstmals stolzes, historisches Gebäude am Ende eines verheerenden Brandes - vernichtet, sackte er daraufhin in sich zusammen und schluchzte leise vor sich hin.
Eine nutz- und sinnlose Ruine.
Schutt.


(...)

Während ich müde in einem der Bände, einem psychologischen Standardwerk zum Thema der Vielfalt religiöser Erfahrung, das ich sehr mochte, zu lesen versuchte, wurde ich der Tatsache gewahr, dass mein Geist immer wieder, wie von selbst, Bilder und Szenerien erschuf, die sich um jene bemitleidenswerte, misshandelte Frau auf Allan Harfords Zeichnungen rankten. Selbst meine äußersten Bemühungen, mich zu konzentrieren und ausschließlich der Lektüre zu widmen, versagten und schienen - ganz im Gegenteil - die magische Anziehungskraft der abweichenden Gedanken nur noch zu verstärken.
Bald fand ich mich inmitten einer erbarmungslosen Schlacht wieder.
Mit nun aller Kraft setzte ich meinen Willen gegen den geistigen Zwang ein, der mich, wie es schien, in meiner Freiheit und Selbstbestimmtheit zu brechen, mich ganz und gar zu überwältigen, zu beherrschen versuchte.
Schließlich gab ich auf, griff nach den Zeichnungen und betrachtet sie.

(...)

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Donnerstag, 4. Dezember 2025
Gefahr.


(12/25)

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