Dienstag, 17. Dezember 2024
Nightwork.


(12/24)

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Short Cuts I/TOT/1997-1999 - (II) - XXV./Der Tag, an dem Rufus gegen die Welt antrat (Eine Art Rebellion).
Der Tag, an dem Rufus gegen die Welt antrat, war eigentlich ein vollkommen normaler Tag (was man gemeinhin so als „normal“ bezeichnet), ein Tag mit nicht allzu schönem Wetter, ein Tag der Dinge, die eigentlich schon lange hätten erledigt werden sollen - normal.
„Ich will ein Rebell sein.“, sprach Rufus zu sich selbst, ohne dass es in diesem Moment einen besonderen Anlass für diese Worte gegeben hätte.
„Das kann gefährlich werden“, antwortete die Stimme aus dem Nichts.
„Ich weiß“, gab Rufus zurück und verfiel in ein nachdenkliches Schweigen.
Das göttliche Kind, ewig missverstanden, ewig unschuldig gegenüber einer gnadenlosen Welt, die ihre Unschuld lange schon preisgegeben hat.
„Wie lauten die Konsequenzen, die du aus deiner Entscheidung ziehst? Wie genau willst du deinen Entschluss praktisch umsetzen?“. Erneut die Stimme aus dem Nichts.
„Ich weiß es noch nicht“, erwiderte Rufus, und begann jetzt mehr und mehr zu zweifeln.
„Vielleicht sollte ich einfach fortgehen, den Ort meines bisherigen Lebens hinter mir lassen, vielleicht - sollte ich all das, was ich bisher mit meinem Leben angefangen habe, einer grundlegenden Überprüfung unterziehen.“
„Überprüfung? Im Hinblick auf was?“, sagte die Stimme aus dem Nichts.
„Ich sollte überprüfen, ob mein bisheriges Leben, ob die Dinge, die ich getan, die Ziele, die ich verfolgt habe, die richtigen gewesen sind. Ich meine, hab‘ ich das alles wirklich so gewollt?“
„Tu es!“, intonierte die Stimme aus dem Nichts, „Tu es einfach!“.
„Mmh ...“
Langsam entfernte sich Rufus von dem Punkt, an dem er auf diesen rebellischsten aller Gedanken gestoßen war. Während die Kamera ihre Begleitfahrt beendete und hinter seinem Wagen zurückblieb, steuerte er dem Horizont entgegen, wurde immer kleiner und kleiner - und kleiner. Schließlich verschwand er vollständig aus dem Sichtfeld der Kamera, tauchte ein in die abgerundeten, ineinandergepassten Kulissen der Welt.
Wird er jemals zurückkehren?
Wird Rufus jemals eine Erklärung finden für die Frage, die er sich stellt?
Und, wenn ja ...
... werden wir je davon erfahren? Würde es uns überhaupt interessieren? Würde es unser eigenes Leben in irgendeiner Weise berühren? Verändern?
Fragt euch das, Ihr, die Ihr hinter der Kamera steht, um die Dinge mit euren zudringlichen Objektiven zu erfassen, an die Oberfläche zu zerren.
Sinnet nach!

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Sonntag, 15. Dezember 2024
Short Cuts I/TOT/1997-1999 - (II) - XXIV./Dort.
Schnell, schnell,
geh',
suche,
hier, mein Freund,
bist du nicht an dem dir vorbestimmten Ort,
du solltest - hier nicht sein,
du solltest - dort sein,
dort.

Also gehe,
gehe schnell,
suche, finde,
sei - dort,
wo zu sein,
du verpflichtet bist.

Doch - glaube nicht,
dass man dich erwartet,
dort,
glaube nicht,
dass deine Anwesenheit gebraucht wird,
dort,
glaube nicht.

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Donnerstag, 12. Dezember 2024
Short Cuts I/TOT/1997-1999 - (II) - XXIII./Der Mann, der verschwand.
Es kam mit einem Mal: Das Bewusstsein zu schwinden, hinzuschwinden. Dennoch gab es keinen Zweifel. Er kam sich vor, als arbeite er ausschließlich noch daran, dem Prozess des Schwindens entgegenzuwirken. Wenn er aß, wenn er seinen Körper anfüllte mit neuer Substanz, dann konnte er den Prozess des Schwindens zeitweise verlangsamen, ihn vielleicht sogar für kurze, immer kürzere, Zeit vollständig zum Stillstand bringen. Bald darauf jedoch setzte sich der Prozess fort, unaufhaltsam, wie es schien. Er ging. Er schwand dahin.
Es war ein Abschied auf Raten, kein plötzliches Ende, kein Abgang begleitet von einem letzten großen Knall. Langsam, Stück für Stück, Gramm für Gramm, Schritt für Schritt, war er dabei, sich der Grenze zu nähern, sich der Oberfläche jenes Spiegels zu nähern, den er in nicht allzu ferner Zukunft durchschreiten würde. Hinüber in die andere Welt, die Welt des Unsichtbaren, die Welt der Körperlosigkeit,
... die Welt der Geister.
Er hatte keine Angst.
Eher war er erstaunt, interessiert, ein nüchterner Beobachter, denn - in gleichem Maße wie, und während, seine körperliche Substanz und Präsenz schwanden, wandelte sich auch sein Geist.
Immer mehr schien er der materiellen Welt enthoben, immer mehr drehte er sich einzig um jene Fragen, die er für sich beantwortet haben musste, bevor er die Grenze überschritt. Ganz so, als bereite er sich vor, als übe er bereits das Leben hinter der Oberfläche des Spiegels, wo, wie er sicher wusste, völlig andere Gesetze, völlig andere Regeln galten. Zwar nahm er noch Teil an den Dingen der greifbaren Welt, jedoch auf eine äußerst merkwürdige Art und Weise: sie berührte ihn nicht mehr, diese Welt.
Nicht mehr wirklich.
Er ging.
Er schwand dahin.
Er verschwand aus dieser Welt, hinüber in eine andere Welt, ein Negativ der gegenwärtigen, materiellen Welt, die jenseitige Welt. Er näherte sich der Linie, dem Punkt, an der, an dem, die beiden symmetrischen Figuren miteinander in Kontakt traten.
Er war der Mann, der verschwand, und alle Zeit, die ihm noch blieb, war nur gestohlene Zeit.

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Mittwoch, 4. Dezember 2024
Short Cuts I/TOT/1997-1999 - (II) - XXII./Lied (vom Anfang und vom Ende).
I. Reflexion

Neben mir.
Aus der Sicht des Anderen, der nicht mehr sein kann, was er ist.
Aus deiner Sicht.
Reflexion.

II. Elsa

In solchen Momenten der Wachsamkeit, des `Auf-Der-Hut-Seins`, des argwöhnenden Nachsehens, der Betrachtung: „Hallo!“, gesprochen von der kleinen Schlange Elsa.
Eben jener Elsa, die so unschuldig aussieht als wolle oder, vielmehr, könne sie auch nur dem unbedeutendsten ihrer Schäfchen, nie und nimmer, wahrlich, wirklich, nie und nimmer, etwas zu leide tun.
Die Schlange Elsa mit der tigerähnlichen Maserung?
Genau. Eben jene.

III. Steigerung

Jene, die ... die ... die,
diedie, diedie,
dada.

IV. Weitergehen

„Kommt, lasst uns gehen, hört ihr mich: ich sagte: lasst uns gehen!“
Immer noch Elsa.
Reflexion.

V. Geflüster zwischen den Weiden

Geflüster zwischen den Weiden.
Stimmen zwischen den wehenden Ähren.
Fruchtbarkeit. Reflexive Lust. Verstand.

VI. Widerhall

Tief,
tiefer noch als das Meer,
tiefer als der Schlund der Hölle.
Wieder, wieder, wieder mal.
Widerhall.
Wieder, wieder, wieder mal.
Widerhall.
Federball,
sonnenklar,
Hochzeitsmahl.
Brautpaar, Wagen.
Widerhall.

VII. Carpe Diem

Nexus.
Bowman.
Captain, oh mein Captain!

Nutze den Tag!
Nutze den Tag!

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