Sonntag, 18. Februar 2024
Incarnation 3000 - A Weird Tale - (Erzählung/Weird) - IV-I/Der König der Tausend Qualen.
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Josh betrat die muffige Bar, tauchte ein in die gedämpfte Atmosphäre des verrauchten Raums. Lichtblitze schossen umher. Ab und zu tauchte eine der vielen, grell geschminkten Gestalten, die hier verkehrten, unmittelbar vor ihm auf, um sodann schnell an ihm vorbei zu ziehen, sich um ihn herum zu winden, und wieder im Halbdunkel zu verschwinden. Frauen in abgewetzten, zum Teil zerrissenen Kleidern räkelten sich auf schmierigen Polstern entlang der Wände der Bar. Schwüles Treiben ereignete sich in den Séparées, hinter halb zugezogenen Vorhängen aus Plüsch. Ein strenger Geruch war allgegenwärtig. Es roch nach Sperma, nach Urin, Synthetics, Kunstnebel und Schweiß.
Wie verabredet suchte Josh nach dem Barbesitzer. Er fand ihn, nachdem er den Barkeeper gefragt hatte, in einem kleinen, büroartigen Raum hinter der Theke. Der Mann, ganz offensichtlich ein Mutant der ersten Generation, lag in einem altmodischen Bürostuhl hinter einem von ausgefransten Papierhaufen bedeckten Schreibtisch. Seine in ornamentierte Cowboystiefel gezwängten Füße lagerten, Sohlen voran, mitten auf der Tischplatte. Er trug ein violett glitzerndes Jackett samt schwarzem Revers und hinter einer Wolke aus Zigarrenrauch - grinste er ein feistes Grinsen. Über sein Antlitz quer verlaufend, sorgte eine fleischige, wie noch nicht vollständig verheilte und entzündet aussehende Narbe für ein weiteres Highlight seiner Erscheinung. Die schaufelartige Hand, welche die gewaltige Zigarre hielt, war bestückt mit einer Unzahl schwerer Goldringe.
Zwei kurze Bockshörner krönten seinen Schädel.
Dieser Teil der Stadt kannte ihn unter dem Namen "Misfits". In diesem Teil der Stadt war er gefürchtet, aber auf gewisse Weise auch angesehen, ja beliebt. Misfits war in der Lage, alles zu besorgen, was des verlangenden Menschen Begehr sein konnte. Ausgefallenen Drogen bis hin zu virtuellen NeuroTrips stellten kein Problem dar; Sexuelle Begierden, Perversionen aller Art waren hier zu haben. Alles, was den Geruch der Illegalität und des Zerfalls in sich trug, war das Spezialgebiet dieses Mutanten, dem „König-Der-Tausend-Qualen“, wie seine Freunde, und auch seine Feinde ihn, heimlich, wenn sie alleine und unter sich waren, zu nennen beliebten.
Josh war aufs äußerste angespannt, seitdem er die Bar, und erst recht seitdem er Misfits‘ Büro betreten hatte.
„Wo ist der Wissenschaftler, den ich hier treffen soll?“

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Aus der Textsammlung - "Phase IV:Die Legende vom Bewahrer."

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Donnerstag, 15. Februar 2024
Incarnation 3000 - A Weird Tale - (Erzählung/Weird) - III/Wookie.
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„Man hat dich hierher bestellt, richtig?“
Der Wookie sprach - seiner Art gemäß - in einem sehr weichen und sanften, nahezu säuselnden Tonfall.
Der Waldläufer, der nun schon seit mehr als zwei Stunden gewartet hatte, traute seinen Augen nicht, noch seinen Ohren, als er begriff, wer ihn da angesprochen hatte. Wookies galten als eine der ganz großen Legenden des Dschungels, eine der Legenden, die seit ewiger Zeit an den Lagerfeuern überlebt hatten. Dort wurden sie meist beschrieben als teilweise aufrecht gehende, hundeähnliche Kreaturen, mit langem, goldbraunem Fell und lang zu beiden Seiten des Kopfs herabhängenden Ohren, deren Name sich aus dem Umstand herleitete, dass sie in ihrer Fortbewegungsweise etwas ganz und gar Aufsehenerregendes zu bieten hatten. Wookies verfolgten nämlich - trotz ihres hundeähnlichen Erscheinungsbildes - eine eher dem Hoppeln des herkömmlichen Dschungelkaninchens anverwandte, und, zudem von kurzen Luftsprüngen durchsetzte Gangart, wobei ein jeder ihrer Luftsprünge zuverlässig von einem stimmlich sanft in die Länge gezogenen, zärtlichen Wooookiiiiiiiiiiiieeee! begleitet wurde.
Der Wookie war, soweit des Waldläufers Wissen reichte, das einzige den Tieren zugeordnete Wesen des Dschungels, welches sich einer differenzierten, für Menschen verständlichen Sprache befleißigte. Als Haustier der Arookie, und unter ihrer Anleitung, so hieß es, hätten die Wookies die Fähigkeit zur menschlichen Sprache entwickelt, wobei sie aber stets nur mit den Arookie selbst in Konversation träten - und keinesfalls mit den weißen Menschen des Dschungels.
Als der Waldläufer, der das Wesen vor ihm nach wie vor ungläubig von unten herauf anstarrte, seine eigene, wesentlich rauere Stimme wiedergefunden hatte, setzte er dazu an, dem geduldig abwartenden, ihn versonnen mit schief gelegtem Kopf anlächelnden Wesen eine Antwort zu geben.
Ein schlichtes „Ja.“ war alles, was er zu Wege brachte.
Als der Wookie begriff, dass der Waldläufer nichts weiter mehr sagen würde, verbeugte er sich, ergriff erneut das Wort, und stellte sich vor.
Sein Name, so erfuhr der Waldläufer, lautete Aggrippa, und er behauptete, der Älteste eines nahe der Tempelruine gelegenen Wookiebaus zu sein, weshalb er dazu bestimmt worden wäre, ihn, den Waldläufer, eben jetzt und heute hier am vereinbarten Treffpunkt anzusprechen.
Der Waldläufer schluckte schwer und empfand eine leichte, schummrige Benommenheit. Der Hookie indes bemerkte es und ließ den Waldläufer wissen, dass diese leichte Benommenheit als etwas ganz Normales anzusehen sei, weil schließlich der sanfte, harmonische Klang einer Wookiestimme jeden Menschen, der ihr lauschte, an den Rand der Hypnose versetze, weshalb schließlich Wookies es auch achtsam vermieden, allzu lange mit einem Menschen zu reden, da ansonsten die Gefahr bestand, dass diese in einen zu tiefen Dämmerzustand abtauchten, aus dem sie mitunter nur mühselig wieder herauszuholen waren.
Dem Waldläufer fielen die Augen zu. Er schlief ein und träumte.

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Aus der Textsammlung - "Phase IV:Die Legende vom Bewahrer."

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Montag, 12. Februar 2024
Sky.


(02/24)

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Freitag, 19. Januar 2024
Incarnation 3000 - A Weird Tale - (Erzählung/Weird) - II/Josh.
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Josh, seines Zeichens Revolutionär, rutschte tiefer in den gepolsterten Schalensitz der Magnetschwebebahn, während er weiter mit seinen Augen die Gebäudefassaden der Stadt erkundete. Anthrazitfarbene Wohn- und Bürohäuser ragten schmal wie Obelisken in den dunstigen Himmel. Wenn man genau hinsah, dann konnte man weit oben das konkave Rund der gläsernen Kuppel erkennen, darin sich - von Zeit zu Zeit - die Lichtinseln der Stadt spiegelten.
Die Bahn passierte das große, muschelförmig entworfene Spielcasino.
Nirgendwo in den verwinkelten Straßen von Omega V erschien die Konzentration blinkender, strahlender Neonbeleuchtung so überwältigend wie hier. Seit vor Jahren der private Gebrauch elektrischen Lichts verboten worden war, zog es Nacht für Nacht zehntausende Bewohner der Stadt in den kalten Schein dieser Casinolichter. Auch an diesem Abend sah Josh die gigantische, wellenförmig wogende Menschenmenge, die sich vor dem Casino versammelt hatte. Dort - während man sich im Inneren des Casinos die Zeit mit belanglosen Spielen vertrieb - verharrten sie, die fahl wirkenden Gesichter emporgehoben in Richtung des Lichts, starr.
Den stechenden Geruch der Stadt nahm man, wie Josh wusste, nur außerhalb des Casinos wahr.
Omega V war erfüllt von einem ätzenden Geruch. Wohin man sich auch wandte, wohin man auch ging, es stank nach Müll, nach verrottendem Fleisch, Urin und Exkrementen. Gleichgültig, wo in der Stadt man sich befand, dieser Geruch war einem ein unentrinnbarer Begleiter. Josh hatte sich daran gewöhnt, so wie jeder der fünf Millionen Einwohner der Kuppel. Neuerdings - so hieß es - war man sogar darauf verfallen, diesen typischen Geruch besonders hervorzuheben, um ihn gewinnbringend in den Werbekampagnen der Touristikindustrie einzusetzen. In den anderen Kuppelstädten wurden, wie man hörte, visuelle Reklameslogans geschaltet, die zahlungskräftige Besucher zu einem Abenteuertrip nach Omega V verleiten sollten. Ein Bekannter aus Omega II hatte Josh auf einer Drogenparty davon berichtet.
„Kommen Sie und erleben Sie Omega V, die Stadt mit dem typischen Geruch des Abenteuers. Nähere Informationen unter 399-399-756221-0-V. Omega V - das Abenteuer IHRES Lebens!“ So, oder so ähnlich, lauteten die mit flachen Stimmen laut vorgetragenen Werbeslogans für "Die Stadt der tausend Gründe“, wie sie von ihren Einwohnern manchmal genannt wurde.
Die Magnetschwebebahn hatte das Casino hinter sich gelassen und glitt ruckend ihre Fahrt verlangsamend in eine plexi-gläserne Haltestation hinein.
Josh erwartete den endgültigen Stillstand, dann verließ er den Wagon und sah sich auf dem Bahnsteig um. Zu dieser späten Stunde hielten sich nur einzelne Menschen hier auf. Die Druckfahrstühle, die rasend schnell die Strecke hinab in die atemberaubenden Abgründe der Stadt bewältigten, zischten aggressiv und giftig. Eine der schwach leuchtenden Neonröhren unter dem schmalen Dach des Bahnsteigs war dabei, den Geist aufzugeben. Sie flackerte und gab dabei ein leise klingelndes Geräusch von sich.
Schließlich erlosch sie.
Josh sah erneut hinauf zu dem gläsernen Kuppeldach, das die Stadt überzog. „Armes altes Omega V!", flüsterte er traurig, "Vielleicht hast du den Tod nicht einmal verdient!“.
Dann wandte er sich um und ging entschlossenen Schrittes auf einen der Fahrstühle zu.

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Aus der Textsammlung - "Phase IV:Die Legende vom Bewahrer."

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