Dienstag, 20. Januar 2026
Ehremund (Der letzte Barbar). Erzählung. Fantasy.
laghbas, 11:42h
Sein Rücken schmerzte, sein immer noch beachtlicher Bizeps zitterte.
Ehremund spaltete ein letztes Stück Holz, setzte seine Axt ab, stützte sich auf ihren Stiel und rang mit in die Armbeuge vergrabenem Gesicht um Atem. Sein langes Haar hing schwarz-grau, in filzigen Strähnen zu beiden Seiten des gebeugten Kopfs herab. Nach einer Weile sah er wieder auf, warf die beiden gespaltenen Scheite auf den Holzhaufen, der sich im Laufe des Nachmittags neben ihm gebildet hatte, schulterte die Axt und kehrte zu der nahe gelegenen Hütte zurück, in der seit über zehn Jahren lebte. Ein gealterter Kämpfer, ein ehemaliger Soldat, Söldner und Barbar, ein Veteran.
Wie hatte es so weit kommen können?
Ehremund fand keine Erklärung. Im Grunde brachte er den Verlauf dieses, seines Lebens, all die Entscheidungen, die er getroffen hatte, die Gedanken, Antriebe und Intensionen, die ihn geleitet, die Emotionen und Notwendigkeiten, die ihn an diesen Punkt seines Daseins geführt hatten, nicht unter einen Hut. Egal, wie oft er darüber nachdachte, seinen Geist schweifen ließ oder in Erinnerung versank, das alles ergab keinen Sinn.
Mit grober, schwieliger Hand hängte er die Axt an ihren Platz neben der Tür und betrat die Hütte. Der scharfe Geruch erkalteter Asche schlug ihm entgegen. Obwohl er einen Ofen und einen eisernen Herd besaß, hatte er niemals von der Gewohnheit lassen können, an einem offenen Feuer zu sitzen, und so hatte er inmitten seiner Behausung eine Feuerstelle angelegt, an der er Abend für Abend saß und trank. So lange, bis der Nebel in seinem Kopf die Vergangenheit auslöschte, und die Müdigkeit ihn dazu zwang, sich Schlafen zu legen. Meist schaffte er es dann noch die in einer hinteren Ecke der Hütte gelegene Holzstiege hinauf, die auf das schmale Plateau hinaufführte, auf dem der strohgefüllte Jutesack lag, der ihm als Matratze diente. Der ewige Schlachtenlärm. Die blutenden, auseinander klaffenden Wunden. Das Weiß in den geweiteten Augen seiner Gegner. Der Rausch.
Das alles ließ ihn nicht los.
Der frappierende Unterschied zwischen der Existenz eines Söldners und Kriegers, der unzählige Kämpfe in allen Reichen des Kontinents ausgefochten und sogar das Trennende Meer überquert hatte, um im Dienst wechselnder Herren - Städte zu erobern, fremde Völker und Stämme zu unterjochen, aufkeimende Rivalitäten zu ersticken, und dem Leben als einfacher Angestellter eines Herzogs in den Provinzen des Mittleren Reichs, der ihn aus persönlichem Interesse an der Geschichte des Kontinents, aus Mitleid, und aus Respekt vor seinem einst berüchtigten Namen, bei sich aufgenommen hatte, schien zu groß. Dort, in seinen Erinnerungen, die weiten, exotischen Wüsten Süd-Ellyriens, die schroffen, eisigen Gipfelflanken des hohen Nordens, die Gestade des Trennenden Meeres und seiner dem Kontinent vorgelagerten Inseln, - hier die bescheidenen Ländereien seines Herzogtums , ein kleiner Wald, den er zu pflegen hatte, die Holzwirtschaft, die Aufsicht über eine Handvoll einfältiger Pächter und Bauern, die das umliegende Ackerland der Burg bewirtschafteten. Wie wohl wäre sein Leben verlaufen, wenn nicht jene Schlacht stattgefunden hätte, in deren Verlauf er sich die Verletzung zugezogen hatte, die für all dies verantwortlich war?
Wieder eine dieser Fragen, die ihn marterten, immer wieder, Tag für Tag, Nacht für Nacht.
*
Rot glühte der nächtliche Himmel über Syrakin, der gebrochenen Stadt, die nach mehrwöchiger Belagerung dem Druck des anrennenden Feindes nicht mehr hatte Stand halten können. Die Plünderungen - von je her das Recht der Sieger - befanden sich in vollem Gange. Ehremund schritt durch die Straßen der Stadt, umtost vom Brüllen der Brände und dem beißenden Geruch des Rauchs, dem Geschrei weinender Kinder und ihrer sterbenden Väter und vergewaltigter Mütter.
Er selbst nahm keinen Anteil an den Exzessen - die Menschen hatten während der Belagerung genug gelitten, warum ihnen noch einmal zusätzliches Leid zufügen?
Trotz des Abscheus hatte er nie den Versuch unternommen, die barbarischen Verbrechen, die nach dem Fall einer belagerten Stadt verübt wurden, in irgendeiner Weise zu verhindern. Zu gut kannte er den Charakter der Männer, die sich, wie er selbst ja auch, ihren Lebensunterhalt als Söldner verdienten. Grausame, herz- und gottlose Tiere, die kaum mehr interessierte, als die schnelle Befriedigung ihrer primitivsten Gelüste, ihrer Gier - nach Macht, nach Reichtum und Frauen, saufende, hurende Barbaren, derart abgestumpft und gewissenlos, dass es ihnen nicht die geringsten Probleme bereitete, einen Menschen, auch wenn er längst am Boden lag, auf brutalste Art und Weise zu quälen, zu verstümmeln, und am Ende zu töten. Männer, Frauen, Kinder - es spielte einfach keine Rolle.
Ehremunds Interesse galt ausnahmslos den Dingen, die er tatsächlich benötigte.
Waffen, ein kunstvoll hergestelltes Velbruckschwert, ein ausgewogen gefertigter Dolch, eine stabile, gut gebaute Armbrust, Bekleidung, Rüstungsteile oder, wenn sich, was selten geschah, die Gelegenheit dazu ergab, ein gesundes und kräftiges Reittier, das waren die Dinge, nach denen er Ausschau hielt.
In dieser schicksalhaften Nacht betrat er müde ein noch unbeschädigtes Haus, über dessen Eingangstür das in Holz geschnitzte Symbol der empfangenden Hände auf das Geschäft eins Heilers hingedeutet hatte. Es war an der Zeit, seinen Vorrat an getrockneten Heilkräutern und Medizin zu ergänzen.
Dunkel und verlassen lag der Verkaufsraum vor ihm.
Im flackernden Schein der vor den Fensterscheiben her lodernden Bränden sah er sich nach dem Regal mit den tönernen Krügen um, in denen die Heiler für Gewöhnlich ihre Salben und Kräutermixturen aufbewahrten, entdeckte es am gegenüberliegenden Ende des Raums, ging hinüber und machte sich daran, die in steilen Runen gefassten Bezeichnungen auf den Gefäßen zu entziffern.
Unachtsamkeit.
Der Fehler eines Anfängers.
Ehremund hatte die Gefahr weder gespürt, noch hatte er den Angreifer - in dessen Händen ein schartiges Kurzschwert dämonisch glänzte - gehört. Erst als sich das Blatt der Waffe unterhalb des linken Schulterblattes in seine Muskulatur gebohrt, und ein weiterer, schnell nachgeschobener Streich ihm eine schräg über den Rücken verlaufende, augenblicklich weit aufklaffende Wunde zugefügt hatte, reagierte er. Er fuhr herum und starrte in das Gesicht eines vielleicht zwölfjährigen Jungen mit lachsfarbenem Haar, der, bleich vor Angst, das blutige Schwert kaum noch in Händen zu halten vermochte. Ein Kind!
Aufschreiend vor Wut und Schmerz schlug er dem Jungen das Schwert aus den Händen, packte ihn und - brach ihm mit einem Ruck das Genick.
*
Ehremund spaltete ein letztes Stück Holz, setzte seine Axt ab, stützte sich auf ihren Stiel und rang mit in die Armbeuge vergrabenem Gesicht um Atem. Sein langes Haar hing schwarz-grau, in filzigen Strähnen zu beiden Seiten des gebeugten Kopfs herab. Nach einer Weile sah er wieder auf, warf die beiden gespaltenen Scheite auf den Holzhaufen, der sich im Laufe des Nachmittags neben ihm gebildet hatte, schulterte die Axt und kehrte zu der nahe gelegenen Hütte zurück, in der seit über zehn Jahren lebte. Ein gealterter Kämpfer, ein ehemaliger Soldat, Söldner und Barbar, ein Veteran.
Wie hatte es so weit kommen können?
Ehremund fand keine Erklärung. Im Grunde brachte er den Verlauf dieses, seines Lebens, all die Entscheidungen, die er getroffen hatte, die Gedanken, Antriebe und Intensionen, die ihn geleitet, die Emotionen und Notwendigkeiten, die ihn an diesen Punkt seines Daseins geführt hatten, nicht unter einen Hut. Egal, wie oft er darüber nachdachte, seinen Geist schweifen ließ oder in Erinnerung versank, das alles ergab keinen Sinn.
Mit grober, schwieliger Hand hängte er die Axt an ihren Platz neben der Tür und betrat die Hütte. Der scharfe Geruch erkalteter Asche schlug ihm entgegen. Obwohl er einen Ofen und einen eisernen Herd besaß, hatte er niemals von der Gewohnheit lassen können, an einem offenen Feuer zu sitzen, und so hatte er inmitten seiner Behausung eine Feuerstelle angelegt, an der er Abend für Abend saß und trank. So lange, bis der Nebel in seinem Kopf die Vergangenheit auslöschte, und die Müdigkeit ihn dazu zwang, sich Schlafen zu legen. Meist schaffte er es dann noch die in einer hinteren Ecke der Hütte gelegene Holzstiege hinauf, die auf das schmale Plateau hinaufführte, auf dem der strohgefüllte Jutesack lag, der ihm als Matratze diente. Der ewige Schlachtenlärm. Die blutenden, auseinander klaffenden Wunden. Das Weiß in den geweiteten Augen seiner Gegner. Der Rausch.
Das alles ließ ihn nicht los.
Der frappierende Unterschied zwischen der Existenz eines Söldners und Kriegers, der unzählige Kämpfe in allen Reichen des Kontinents ausgefochten und sogar das Trennende Meer überquert hatte, um im Dienst wechselnder Herren - Städte zu erobern, fremde Völker und Stämme zu unterjochen, aufkeimende Rivalitäten zu ersticken, und dem Leben als einfacher Angestellter eines Herzogs in den Provinzen des Mittleren Reichs, der ihn aus persönlichem Interesse an der Geschichte des Kontinents, aus Mitleid, und aus Respekt vor seinem einst berüchtigten Namen, bei sich aufgenommen hatte, schien zu groß. Dort, in seinen Erinnerungen, die weiten, exotischen Wüsten Süd-Ellyriens, die schroffen, eisigen Gipfelflanken des hohen Nordens, die Gestade des Trennenden Meeres und seiner dem Kontinent vorgelagerten Inseln, - hier die bescheidenen Ländereien seines Herzogtums , ein kleiner Wald, den er zu pflegen hatte, die Holzwirtschaft, die Aufsicht über eine Handvoll einfältiger Pächter und Bauern, die das umliegende Ackerland der Burg bewirtschafteten. Wie wohl wäre sein Leben verlaufen, wenn nicht jene Schlacht stattgefunden hätte, in deren Verlauf er sich die Verletzung zugezogen hatte, die für all dies verantwortlich war?
Wieder eine dieser Fragen, die ihn marterten, immer wieder, Tag für Tag, Nacht für Nacht.
*
Rot glühte der nächtliche Himmel über Syrakin, der gebrochenen Stadt, die nach mehrwöchiger Belagerung dem Druck des anrennenden Feindes nicht mehr hatte Stand halten können. Die Plünderungen - von je her das Recht der Sieger - befanden sich in vollem Gange. Ehremund schritt durch die Straßen der Stadt, umtost vom Brüllen der Brände und dem beißenden Geruch des Rauchs, dem Geschrei weinender Kinder und ihrer sterbenden Väter und vergewaltigter Mütter.
Er selbst nahm keinen Anteil an den Exzessen - die Menschen hatten während der Belagerung genug gelitten, warum ihnen noch einmal zusätzliches Leid zufügen?
Trotz des Abscheus hatte er nie den Versuch unternommen, die barbarischen Verbrechen, die nach dem Fall einer belagerten Stadt verübt wurden, in irgendeiner Weise zu verhindern. Zu gut kannte er den Charakter der Männer, die sich, wie er selbst ja auch, ihren Lebensunterhalt als Söldner verdienten. Grausame, herz- und gottlose Tiere, die kaum mehr interessierte, als die schnelle Befriedigung ihrer primitivsten Gelüste, ihrer Gier - nach Macht, nach Reichtum und Frauen, saufende, hurende Barbaren, derart abgestumpft und gewissenlos, dass es ihnen nicht die geringsten Probleme bereitete, einen Menschen, auch wenn er längst am Boden lag, auf brutalste Art und Weise zu quälen, zu verstümmeln, und am Ende zu töten. Männer, Frauen, Kinder - es spielte einfach keine Rolle.
Ehremunds Interesse galt ausnahmslos den Dingen, die er tatsächlich benötigte.
Waffen, ein kunstvoll hergestelltes Velbruckschwert, ein ausgewogen gefertigter Dolch, eine stabile, gut gebaute Armbrust, Bekleidung, Rüstungsteile oder, wenn sich, was selten geschah, die Gelegenheit dazu ergab, ein gesundes und kräftiges Reittier, das waren die Dinge, nach denen er Ausschau hielt.
In dieser schicksalhaften Nacht betrat er müde ein noch unbeschädigtes Haus, über dessen Eingangstür das in Holz geschnitzte Symbol der empfangenden Hände auf das Geschäft eins Heilers hingedeutet hatte. Es war an der Zeit, seinen Vorrat an getrockneten Heilkräutern und Medizin zu ergänzen.
Dunkel und verlassen lag der Verkaufsraum vor ihm.
Im flackernden Schein der vor den Fensterscheiben her lodernden Bränden sah er sich nach dem Regal mit den tönernen Krügen um, in denen die Heiler für Gewöhnlich ihre Salben und Kräutermixturen aufbewahrten, entdeckte es am gegenüberliegenden Ende des Raums, ging hinüber und machte sich daran, die in steilen Runen gefassten Bezeichnungen auf den Gefäßen zu entziffern.
Unachtsamkeit.
Der Fehler eines Anfängers.
Ehremund hatte die Gefahr weder gespürt, noch hatte er den Angreifer - in dessen Händen ein schartiges Kurzschwert dämonisch glänzte - gehört. Erst als sich das Blatt der Waffe unterhalb des linken Schulterblattes in seine Muskulatur gebohrt, und ein weiterer, schnell nachgeschobener Streich ihm eine schräg über den Rücken verlaufende, augenblicklich weit aufklaffende Wunde zugefügt hatte, reagierte er. Er fuhr herum und starrte in das Gesicht eines vielleicht zwölfjährigen Jungen mit lachsfarbenem Haar, der, bleich vor Angst, das blutige Schwert kaum noch in Händen zu halten vermochte. Ein Kind!
Aufschreiend vor Wut und Schmerz schlug er dem Jungen das Schwert aus den Händen, packte ihn und - brach ihm mit einem Ruck das Genick.
*
... link
... older stories